Zukunft des Motorsports auf der Nordschleife
NLS-Zukunft: Der Druck erhöht sich

Um die Zukunft der Nürburgring Langstrecken-Serie wabert noch immer viel Nebel. Doch immer mehr Parteien beziehen Stellung. Die Interessengemeinschaft Langstrecke Nürburgring (ILN) bekannte sich in einem Statement zur NLS in ihrer jetzigen Form.

NLS 4 - Nürburgring-Nordschleife - 17. Juni 2023
Foto: Stefan Baldauf

Wir geben es zu: Das Tohuwabohu um die Nürburgring Langstrecken-Serie ist nicht ganz einfach zu verstehen. Doch viele Fans sorgen sich um die Zukunft des Motorsports auf der Nordschleife. Deshalb lohnt es sich, sich selbst ein Bild zu machen, um mitreden zu können.

Wer ist am Zoff um die Nürburgring Langstrecken-Serie beteiligt?

Vorweg: Hier sind viele verschiedene Parteien und Interessen involviert. Am Ende geht es darum, wer die Serie in Zukunft weiterführt beziehungsweise, ob es eine neue ähnliche Serie nach dem Modell der NLS gibt. Jede Partei versucht dabei, die eigenen Interessen durchzusetzen. Deshalb eine kurze Erklärung, um wen es dabei geht.

Unsere Highlights

Zum einen gibt es die Nürburgring Holding. Die ist alleinige Eigentümerin der Rennstreckenbetreiberin Nürburgring 1927 GmbH. Die Nürburgring Holding ist wiederum selbst an der Rennserie beteiligt, da sie 60 Prozent an der VLN VV GmbH hält. Diese ist für die Vermarktung der NLS zuständig und das wirtschaftliche Fundament. Die restlichen 40 Prozent gehören der VLN Sport GmbH, der Zusammenschluss der veranstaltenden Clubs, die die Serie einst gegründet haben. Dabei gehören sechs der neun Clubs dem ADAC an.

Erst im November 2022 hatte die Führungsriege um VLN Sport-Geschäftsführer Ralph-Gerald Schlüter ihre Ämter nach Unstimmigkeiten innerhalb der VLN Sport GmbH niedergelegt. Mit Mike Jäger als neuem Geschäftsführer der VLN Sport GmbH und Ex-VLN-Chef Karl Mauer als Berater und mehreren weiteren neuen Personalien standen die Zeichen auf Neuanfang. Viele Teilnehmer äußerten sich positiv zu den eingeführten Neuerungen.

Mike Jäger - NLS - 2023
NLS
Mike Jäger ist seit der Saison 2023 Chef der VLN Sport GmbH.

Doch im März kamen dann erste Gerüchte auf, die Nürburgring Holding wolle neue Wege mit neuen Strukturen gehen. Dabei ging man auf den AvD als möglichem Partner zu. Ein nicht unwichtiges Detail: Der AvD schied zuletzt unfreiwillig aus der Organisation der DTM aus, weil der ADAC die Serie übernahm. Der ADAC hat wiederum mit der großen Anzahl der Veranstaltungen am Nürburgring auch eine extrem starke Position, die manchen Beteiligten nicht ins Konzept passen könnte.

Die Idee war, eine neue Gesellschaft zu gründen, in der die Nürburgring Holding 51 Prozent halten sollte, 25 Prozent der AvD und 24 Prozent die Clubs, die im neuen Konstrukt dabei sind. In einer Abstimmung waren jedoch sieben der neun Clubs dagegen. Ein Gegenangebot der Clubs an die Holding, in dem sie nur als Rennstreckenvermieterin gesehen wurde, lehnte wiederum die Holding ab.

Wie soll es nun weitergehen, wenn Uneinigkeit herrscht?

Die Nürburgring Holding steigt zum Ende des Jahres aus der VLN VV GmbH aus. Das ist Fakt. Was sich nun allerdings ergeben hat, ist etwas kurios und erinnert ein bisschen an einen Eifel-Krimi. Denn beide Parteien, also der AvD und die VLN Sport GmbH, planen ihre eigenen Serien.

Am 16. Juni wurden zwei neue Gesellschaften gegründet. Zum einen die Nürburgring Endurance Serie GmbH (NES), die die Saison 2024 vorbereiten soll. Hier gehören 76 Prozent dem AvD. Geschäftsführer ist ein alter Bekannter: Ralph-Gerald Schlüter, der im vergangenen Jahr noch Chef der VLN Sport GmbH war. Genau diese Wendung hatten viele Teamchefs vermutet.

Schlüter ist auch Geschäftsführer der ebenfalls am 16. Juni gegründeten BS Motorsport GmbH & Co. KG, die mit 24 Prozent an der NES GmbH beteiligt ist. Das Kürzel BS steht dabei für Bonk und Schlüter. Zur Erinnerung: Die Clubs von Peter Bonk und Ralph-Gerald Schlüter, in denen beide keine Vorstandstätigkeit mehr haben, waren die, die sich innerhalb der neun Clubs in der VLN Sport GmbH für eine Zusammenarbeit mit der Nürburgring Holding ausgesprochen haben.

NLS 3 - Nürburgring-Nordschleife - 15. April 2023
Stefan Baldauf
Treten die Teams 2024 in der NES oder in der NLS an?

Die BS Motorsport GmbH solle sozusagen als Auffangbecken für die Vereine dienen, die am neuen Konstrukt mitwirken wollen. Interessant dabei: Die Nürburgring Holding taucht in dieser Konstellation nicht mehr offiziell auf. Warum die Holding in der neuen Gesellschaft offiziell nicht mehr auftritt, ist offen.

AvD-Generalsekretär Lutz-Leif Linden sagt: "Wir planen aktuell mit zwischen acht und neun Rennen für 2024." Manche fragen sich, wie man diese ohne die Infrastruktur der bisherigen veranstaltenden Clubs ausrichten will, weil sie beim AvD nicht genug Kapazitäten vermuten. Hier macht sich Linden aber keinerlei Sorgen. "Wir haben im AvD genug Ortsclubs", sagte er. "Die rufen von sich aus an. Was nicht heißt, dass wir die Tür für die anderen zuschlagen."

Fragt man Mike Jäger, Geschäftsführer der VLN Sport GmbH, wie es 2024 nun weitergehen soll, ist seine Botschaft klar: "Es wird 2024 eine NLS geben, die von der VLN Sport GmbH ausgerichtet wird." Das mag zunächst optimistisch klingen, denn schließlich ist die Nürburgring Holding am Ende des Tages das Zünglein an der Waage, weil diese die Termine vergibt. Und die hatte den Schulterschluss mit dem AvD ja initiiert. Allerdings steht die VLN Sport GmbH auch nicht komplett auf verlorenem Posten. Hier hatte sich die Zentrale des ADAC in München eingeschaltet, weil die Mehrheit der Clubs dem ADAC angehört.

"Es ist nicht im Sinne unserer Gesellschafter, das Ruder der Serie, die sie in den vergangenen 47 Jahren mit jeder Menge Enthusiasmus und Herzblut aufgebaut haben, vollständig aus der Hand zu geben", sagt Jäger. "Vielmehr sehen wir unsere Zukunft darin, die Serie künftig wieder unter eigener Regie durchzuführen, wie es bereits erfolgreich bis einschließlich 2016 der Fall gewesen ist."

Die nächste Eskalationsstufe ist nun allerdings erreicht. Am Dienstag (27.6.) veröffentlichte die Nürburgring Holding GmbH als als Eigentümerin der Nürburgring 1927 GmbH & Co. KG, dass man weder der VLN VV noch der VLN Sport in der Saison 2024 Termine anbietet. "Um den Motorsport-Teams Planungssicherheit zu geben und den Langstrecken-Motorsport im Sinne des Sports, der Aktiven und Anhänger weiterzuentwickeln, sollen auch zukünftig mindestens acht Langstreckenrennen je Saison auf dem Nürburgring stattfinden", heißt es in der Mitteilung, die von Geschäftsführer Michael Lemler unterzeichnet wurde. Ob das wirklich das Aus für die ursprüngliche NLS ist, oder ob es noch andere Möglichkeiten gibt, bleibt abzuwarten.

Die NES geizt bisher noch mit Inhalten. Es wurden weder Termine noch ein technisches oder sportliches Reglement veröffentlicht. Laut AvD-Generalsekretär Lutz-Leif Linden wird man bei NLS 6 (8./9. September) mehr Informationen geben können. Die Aussage bisher: "Die Autos, die dieses Jahr fahren, werden auch nächstes Jahr fahren können."

Wieso schlägt das Thema so hohe Wellen?

Das neue Tohuwabohu verunsichert die Teilnehmer derzeit. Das geht so weit, dass manche komplett schwarz sehen und mit dem Gedanken spielen, ihre Autos zu verkaufen. Auch waren einige besorgt, ob in einer neuen Konstellation die Garagenteams erwünscht wären.

Bei einer neuen Serie gibt es auch ein neues Reglement. Bisher nutzt die VLN Sport GmbH das Specials-Reglement des ADAC Nordrhein, der auch das 24h-Rennen veranstaltet. Der verwendet wiederum das Reglement der VLN Sport GmbH bei den Produktionswagen-Klassen. Mit einem neuen Reglement bräuchten die Teilnehmer die Sicherheit, ohne große Umbaumaßnahmen beide Formate fahren zu können. Denn die NLS und das 24h-Rennen funktionieren nur miteinander.

Die GT3-Klasse dürfte dabei weniger problematisch sein als die kleinen Klassen. Deren Vertrauen muss man gewinnen, will man den Teilnehmerschwund nicht noch größer werden lassen. Die Top-Klassen wie GT3, Porsche Cup und Co. boomen ohnehin. Aus Richtung des AvD ist beim Thema 24h-Rennen zu hören, dass man hier keine Konkurrenzsituation schaffen wolle. Natürlich stellen sich aber viele im Fahrerlager die Frage, wie man sich unbürokratisch die Hand reichen will, sollte der AvD die Serie ausrichten.

Sollte sich die VLN Sport GmbH irgendwie in Eigenregie durchsetzen, setzt man auf Beständigkeit. "Wir werden in Kürze Details unserer Pläne für die Saison 2024 bekanntgeben", sagte Jäger noch vor dem Termin-Statement der Nürburgring Holding. "Soviel können wir aber schon verraten: Es soll sich für Teilnehmer und Fans nicht viel ändern. Wir haben nach der Umstrukturierung innerhalb der VLN Sport über den Winter bereits wichtige Weichen für die Zukunft gestellt, die bei unseren Kunden – den Teilnehmern – auf viel positives Feedback gestoßen sind. Diesen Weg wollen wir konsequent im Sinne unserer Kunden und Fans weitergehen."

Immer mehr Parteien beziehen Stellung. So stellte die ILN – in der viele große Teams Mitglied sind – klar, dass das bestehende Konstrukt der Nürburgring Langstrecken-Serie auch 2024 fortgeführt werden sollte, "bis alle juristischen, wirtschaftlichen und organisatorischen Fragen einer möglichen Nachfolgelösung hinreichend und einvernehmlich geklärt sind".

Man lässt zwar offen, wie und mit wem es weitergehen könnte, betont allerdings im Hinblick auf die Neuausrichtung über den vergangenen Winter: "Der bereits eingeschlagene Weg ist aus unserer Sicht der richtige und sollte weiterhin verfolgt werden."

Indes hat sich auch Rennleiter Christian Vormann geäußert, der 2023 neu an Bord kam. "Ich fühle mich hier total wohl, und wir arbeiten alle sehr gut zusammen", sagte er. Vormann ist neuerdings dem VLN-Veranstalter Automobilclub Altkreis Schwelm beigetreten und setzt damit indirekt ein Zeichen. Teamchef Matthias Holle von Mathol Racing wurde ebenfalls deutlich: "Taucht Ralph-Gerald Schlüter nochmal in einer Veranstalterrolle auf, werden wir uns ein anderes Betätigungsfeld suchen." Damit erteilt man eine klare Absage an alte Strukturen. Holle weiter: "Die jetzige Führungsmannschaft hat bisher nur geglänzt, mit dem was sie angepackt hat. So gut lief es in der VLN seit fünf Jahren nicht mehr."

Bei manchen Herstellern wird darüber gerätselt, wie es in Zukunft in Sachen Balance of Performance laufen könnte. Die wird auch mit Integration des 24h-Rennens in die Intercontinental GT Challenge weiterhin vom ADAC Nordrhein kommen. Sollte es statt der NLS aber in Zukunft die neue Serie NES vom AvD geben, wird der ADAC Nordrhein sicher nicht die eigene BOP zur Verfügung stellen. Man müsste sich also eine eigene Variante überlegen, die im Hinblick auf das 24h-Rennen nicht relevant wäre. Fragt sich, wie groß dann der Anreiz für die Hersteller ist, die Serie von Saisonbeginn an zu fahren.

Was hat das mit dem 24h-Rennen und dem Zusammenschluss mit der IGTC zu tun?

Eigentlich relativ wenig. Dass das 24h-Rennen ab 2024 zur SRO-Serie Intercontinental GT Challenge gehören wird, bringt wohl kaum Veränderung. Die Reifenwahl bleibt frei, die BoP kommt weiter vom ADAC Nordrhein. Auch ein enormer Zuwachs an GT3-Boliden ist unwahrscheinlich. Die Hersteller dürfen 4 Autos nominieren, die Punkte für die IGTC sammeln können. Dazu dürften sie die auswählen, die ohnehin am Start gewesen wären. Viele gehen davon aus, dass maximal eine Hand voll GT3-Autos zusätzlich starten werden. Das hat dann auch keinerlei Einfluss auf die kleinen Klassen oder den Charakter des Rennens. Und es wirkt sich nicht negativ auf die NLS/VLN aus. "Das ist nur ein zusätzliches Add-on", sagt Rennleiter Walter Hornung. "Wir stehen weiterhin zur NLS in der jetzigen Form und zur NLS."

Wie könnte es in Zukunft weitergehen?

Die unterschiedlichen Interessen der involvierten Parteien kann man nachvollziehen. Es ist nur zu hoffen, dass man die Rechnung am Ende nicht ohne die Hauptdarsteller macht: die Teilnehmer. Denn ohne die gibt es keine Serie – in was für einer Konstellation auch immer. Das betrifft vor allem die kleineren Klassen, in denen es um jeden Cent und Planungssicherheit geht. Hier ist nicht zu unterschätzen, was ein bisschen Fingerspitzengefühl und das Gefühl, gehört zu werden, am Ende wirklich ausmachen. Das war zuletzt einer der Kritikpunkte.