Lamborghini Revuelto mit V12-Hybrid und 1.015 PS
Am Limit auf der Rennstrecke

Lamborghini bringt mit dem Revuelto den Nachfolger des Aventador. In Vallelunga müssen Plug-in-Hybrid-Antrieb, Carbon-Chassis und die zahllosen Fahrprogramme erstmals zeigen, was sie können.

Lamborghini streckt seine glorreiche V12-Vergangenheit mit dem Aventador-Nachfolger Revuelto in die Zukunft. Es gab zwar wie immer auch einen Kampfstier gleichen Namens, aber eigentlich steht der Begriff im Spanischen für "gemischt". Und so ist der Revuelto ein Mix aus hochoktanigem V12-Crescendo und surrendem Hybrid-Boost. Auf dem Papier geht die Rechnung mit 1.015 PS Systemleistung definitiv auf. Ob dies zudem auf der Rennstrecke gilt? Einen ersten Eindruck gibt der Track-Test des Lamborghini-Werksfahrers Andrea Caldarelli auf dem Autodromo Piero Taruffi im italienischen Städtchen Vallelunga, gelegen vor den Toren Roms (siehe Video ganz oben).

Unsere Highlights

Der neue Revuelto ist in vielen Aspekten eine Revolution für die Marke Lamborghini: der erste in Großserie produzierte Hybrid-Supersportler, der erste Straßen-Lambo mit über 1.000 PS Leistung, ein fast neuer V12-Motor, ein komplett neues Transversalgetriebe, eine elektrische Vorderachse, ein Voll-Carbon-Chassis sowie ein neues Bedienkonzept. So viel Innovation scheint bei der Kundschaft gut anzukommen. Auf dem Goodwood Festival of Speed verriet CEO Stephan Winkelmann, dass die Bestellbücher bis 2026 gefüllt seien. Sollten Sie sich also im Laufe dieses Artikels in das Auto verlieben, planen Sie besser bis zu drei Jahre Wartezeit ein.

Das Revuelto-Design

Der Revuelto wirkt kompakter als der Aventador, obwohl sein Radstand noch einmal um 80 Millimeter wuchs. Die Überhänge vorne und hinten wurden eingedampft, was zu harmonischeren Proportionen führte. Die Designsprache wurde modernisiert und geglättet, ohne die traditionelle Dramatik wegzulassen: Kantige Formen dominieren beim Revuelto, verziert mit den traditionellen Ypsilon-Elementen, wie zum Beispiel an den vorderen und hinteren Leuchten, dazu die bekannten Hexagon-Elemente wie bei der Form der Auspuffendrohre. Die nach vorn über die Haube angeschnittene Frontpartie mit den Y-Scheinwerfern und der darunter liegenden Haifisch-Nase ist gewohnt aggressiv. Die Silhouette ist tief geduckt, die Frontscheibe stark angewinkelt, und die Fahrgastzelle wie immer bei Lamborghini leicht nach vorne gerückt. Hinten spannt sich ein langer Rücken über die Motor-/Getriebeeinheit, mit seitlichen Blades, die vom Ende der Cockpitkanzel bis zu den hinteren Radhäusern reichen. Große, Y-förmige Einlässe vor den Hinterrädern sorgen für die Luftzufuhr in Richtung Motor, Getriebe, Bremsen und Hybridsystem.

Der V12-Motor direkt hinter der Fahrgastzelle wird offen zur Show gestellt – die durchgehende Bremsleuchte am oberen Cockpitende taucht das V12-Triebwerk beim Bremsen zusätzlich in ein rotes Lichtbad. Der Heckabschluss ist wuchtig, Auspuffendrohre und Heckleuchten liegen auf einem Höhenniveau, darunter bahnt sich der breite Diffusor in dunklem Mattschwarz seinen Weg ins Freie. Die größeren Räder (Serie 20 und 21 Zoll vorn/hinten, optional 21 oder 22 Zoll) sowie eine im Vergleich zu früher tiefere Fahrzeugstandhöhe, verbunden mit einem perfekten seitlichen Abschluss zwischen Karosserie und Rädern, unterstreichen den bulligen Gesamtcharakter des neuen Revuelto. Insgesamt wirkt der Revuelto im Vergleich zum Vorgänger, sehniger, athletischer und austrainierter.

Ein V12, 3 E-Maschinen und 1.015 PS

Um für einen Lamborghini standesgemäß genug unterwegs zu sein, kombinieren die Italiener einen Zwölfzylinder-Saugmotor mit drei Elektromotoren und einem Doppelkupplungsgetriebe zu einem High Performance Electrified Vehicle (HPEV), das über 1.000 PS auf vier angetriebene Räder ausschüttet. Herzstück des Hybrids ist ein komplett neu entwickelter V12 mit 6,5 Liter Hubraum, der nach wie vor längs hinter den Passagieren im Carbon-Chassis sitzt. Der trägt hinten quer angeflanscht das neue, nass laufende Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe mit oben angedockter Elektromaschine, die auch als Anlasser und als Lichtmaschine/Generator dient. Das Gewicht liegt inklusive E-Motor bei 193 Kilogramm.

Die beiden anderen Elektromotoren, je einer pro Rad, sorgen an der Vorderachse für Vortrieb und weiterhin Allradantrieb. Die beiden jeweils 18,5 Kilogramm schweren Axial-Flux-Maschinen leisten jeder 110 kW, die per Torque-Vectoring an die Vorderräder serviert werden. Im elektrischen Betrieb nutzt der Revuelto nur den Vorderradantrieb zur Optimierung des Energieverbrauchs. Der hintere E-Motor schaltet sich bei Bedarf zu und macht aus dem Elektro-Fronttriebler einen Elektroallradler. Zudem unterstützt er beim Bremsen. Rückwärts geht es nur rein elektrisch.

Lamborghini LB744 Aventador-Nachfolger Antrieb
Lamborghini
V12 plus drei E-Maschinen sorgen für 1.015 PS.

Wo bislang die Kardanwelle verlief, entfaltet sich nun im Mitteltunnel die 1,55 Meter lange, 30 Zentimeter hohe und 24 Zentimeter breite sowie 79 Kilogramm schwere Lithium-Ionen-Batterie mit einer Kapazität von 3,8 kWh. Nachgeladen wird an der Steckdose mit 7 kW in 30 Minuten. Der LB744 rekuperiert natürlich auch beim Bremsen und auf Wunsch lässt sich der Akku während der Fahrt durch den V12 laden – das dauert nur sechs Minuten.

Der L545 getaufte Zwölfzylinder bringt mit 218 Kilogramm 17 Kilogramm weniger auf die Waage als sein Vorgänger. Weil das Getriebe nun hinten andockt, sitzt der neue V12 um 180 Grad gedreht im Chassis. Der Vierventiler, der das Gemisch auf 12,6:1 verdichtet, liefert bei 9.250 Touren 825 PS. Sein Drehzahllimit liegt bei 9.500/min. Als maximales Drehmoment liegen 725 Nm bei 6.750 Umdrehungen an. Da Lamborghini laut EU-Recht als Kleinserienhersteller die Euro-7-Normen erst ab 2030 erfüllen muss, nutzt man beim V12 weiter eine Saugrohreinspritzung. Die zwei E-Motoren vorn beteiligen 350 Nm am Powerplay, die E-Maschine im Getriebe kommt auf 110 kW und 150 Nm. Als Systemleistung nennt Lamborghini 1.015 PS, ein Systemdrehmoment bleiben die Italiener noch schuldig. Dafür gibt es erste Fahrleistungsdaten. Von null auf 100 km/h geht es im trocken 1.772 Kilogramm schweren Revuelto in 2,5 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei über 350 km/h.

Chassis aus geschmiedetem Carbon

Integriert zeigt sich der V12-Hybridantrieb in ein ebenfalls komplett neu gezeichnetes Carbon-Chassis. Die von Lamborghini "Monofuselage" getaufte Konstruktion kombiniert ein Monocoque aus Kohlefaserlaminat mit einer Frontstruktur, die ebenfalls aus Carbon gefertigt wird. Der Aventador setzt noch auf einen Vorderwagen aus Aluminiumprofilen. Die Chassiswanne formen die Italiener auf Forged Carbon, also kurzen Fasersträngen, die mit Harz verpresst werden. Auch die vordere Crashstruktur setzt auf Forged Carbon. Das Dach und alle Beplankungen entstehen aus klassischen Carbon-Gewebematten.

Das neue Chassis bringt rund zehn Prozent weniger Gewicht auf die Waage, ist 25 Prozent verwindungssteifer (Lambo nennt 40.000 Nm/Grad) als bisher und die Carbon-Crashstrukturen sollen deutlich mehr Energie aufnehmen können als die Alu-Vorgänger. Basis des Revuelto-Chassis ist ein ringförmiges Carbon-Element, das die darin eingesetzte Wanne mit den Crash-Strukturen, der Stirnwand und den A-Säulen verbindet. Der angeschraubte Hinterbau, der den Antrieb sowie die hinteren Radaufhängungen aufnimmt, besteht weiter aus Aluminium, setzt aber im Bereich der Federbeinanlenkungen auf zwei große Aluminium-Hohlgussteile. Die erhöhen die Steifigkeit und reduzieren die Zahl der Schweißnähte. Die Gewichtsverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse beziffert Lamborghini auf 44:56 Prozent.

Dynamischer Regelbetrieb

Damit der Lambo und auch sein Fahrer allen fahrdynamischen denkbaren Situationen gewachsen sind, bringt der neue Revuelto ein ganzes Arsenal an Regelsystemen und Fahrprogrammen mit. Sage und schreibe 13 Fahrmodi sind verfügbar. Zu diesen zählen Recharge, Hybrid und Performance, die jeweils mit den Modi Città (City, begrenzt auf maximal 180 PS), Strada (begrenzt auf 886 PS), Sport (Verbrenner begrenzt auf maximal 907 PS) und Corsa (keinerlei Leistungsbeschränkung) kombiniert werden können. Gesteuert wird die Auswahl über die beiden Rotoren am neu gestalteten Lenkrad.

Hardwareseitig für Fahrdynamik bürgen die serienmäßige Allradlenkung sowie eine gegenüber dem Vorgänger um zehn Prozent direkter ausgelegte Lenkung. Dazu kommen noch breitere Vorder- und insgesamt extrem haftfreudige Bridgestone Potenza Sport-Reifen. Beim Revuelto kann der Kunde aus zwei Rädergrößen mit 20 und 21 Zoll vorne/hinten sowie 21 und 22 Zoll vorne/hinten wählen. Bei beiden Kombinationen stehen Runflat-Reifen in den Dimensionen 265/35 ZR20 vorne und 345/30 ZR21 hinten bzw. 265/30 ZR21 vorne und 355/25 ZR22 hinten zur Verfügung.

Ergänzt wird eine aktive Wankstabilisierung. Für adäquate Bremspower sorgt serienmäßig eine Carbon-Keramik-Bremsanlage, die an der Vorderachse Zehn-Kolbenzangen mit 410er-Scheiben kombiniert. Da wirken die 390er Discs hinten mit nur vier Bremskolben fast schon bescheiden. Ein abschaltbares ESP lässt erfahrenen Piloten freie Hand, eine Launch Control macht jedermann zum Sprintkönig.

Über 350.000 Euro, zwei Jahre ausverkauft

Offizielle Preise nennt Lamborghini für den Revuelto noch nicht. "Preislich wird der Revuelto über dem Aventador-Topmodell SVJ liegen"", erklärt allerdings Lambo-CEO Stephan Winkelmann. Das waren zuletzt über 350.000 Euro. Noch eine schlechte Nachricht für Interessenten: das neue Hybrid-Hypercar ist für die ersten zwei Produktionsjahre bereits ausverkauft.

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Fazit

Der König ist tot, es lebe der König. Lamborghini hat es dank Performance-Hybrid geschafft, für den kultigen und ikonischen V12-Motor eine Brücke in die Zukunft zu bauen. Das Hybridsystem ist zwar komplex und aufwendig und sorgt für Zusatzgewicht, überzeugt aber mit einer hohen Leistungskonsistenz, so dass die 1.015 PS Systemleistung nicht nur auf dem Papier stehen. Die Neuinterpretation auf der Design-Seite ist gelungen: Der über 350 km/h schnelle Revuelto wirkt kompakter, athletischer und austrainierter. Die Tatsache, dass das Produktionsvolumen der ersten zwei Jahre ausverkauft ist, belegt, dass die Kundschaft das Konzept annimmt – und darauf kommt es am Ende an.

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AUTO MOTOR UND SPORT 09 / 2024
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Erscheinungsdatum 11.04.2024

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