Gebrauchtvergleich Volvo S60 und Jaguar XE
Wer vereint Noblesse und Nutzwert am besten?

Möchten Sie sich mal was Nettes im Leben gönnen? Einfach mal ein wenig Luxus für den Alltag, ohne gleich über die Stränge zu schlagen? Wie wärs mit einer vernünftigen sparsamen gebrauchten Mittelklasselimousine? Wo da der Luxus bleibt? Dafür sorgen Volvo und Jaguar.

Volvo S60 Jaguar XE Gebrauchtvergleich
Foto: H.D. Seufert

Hier in Deutschland sind wir schon verwöhnt. An jeder Ecke stehen Mercedes, Audi, BMW und verwöhnen mit feiner Qualität und hochwertiger Technik. Trotzdem – man will ja schließlich vernünftig sein – entfällt die allergrößte Mehrheit in der Mittelklasse auf fade Farben, wenig Wunschausstattung und vernünftige Vierzylinder. Ohne Zweifel: Letztere sorgen mit ihren sparsamen Verbräuchen gerade als Diesel für souveränes Vorankommen bei unschlagbar günstigem Verbrauch. Was wäre denn, wenn man einen Vernunftantrieb in eine hübsche Karosserie steckt, die bei aller Zweckmäßigkeit nicht ständig im Straßenbild vorkommt, und das ganze dann noch mit einem piekfeinen Luxusinnenraum nachwürzt?

Das große Gebrauchtwagen-Spezial
Volvo S60 Jaguar XE Gebrauchtvergleich
H.D. Seufert

Schön sind sie ja beide. Doch was steckt unter dem Blechkleid von Jaguar XE und Volvo S60?

Das dachten sich auch Jaguar und Volvo, als sie 2015 bzw. 2018 die aktuellen Generationen von XE und S60 präsentierten. Die sind heute im besten Gebrauchtwagenalter. Schauen wir also mal genauer hin.

Der Volvo S60 (3. Generation, seit 2018) im Detail

Das Konzept, einen Mittelklasse-Volvo auf die Räder zu stellen, der die gleichen Vorzüge wie die kantigen Göteborger Großwagen auf kleinerem Raum bietet, ist noch gar nicht so alt. 2000 war es, als man den ersten S60 enthüllte, der objektiv betrachtet kaum mehr war als ein S80 mit gekürzter Fond- und Heckpartie. Nach der sehr rundlichen zweiten Generation, die der Baureihe eine völlig eigenständige Optik verlieh, besann man sich mit dem dritten S60 auf das 2015 eingeführte Markengesicht, welches mit konturierter Schulterlinie, C-Rückleuchten und "Thors-Hammer-" Scheinwerfern ein charakteristisches Destillat aller Volvomodelle seit 2015 darstellt. Unter dem Kürzel V60 firmiert die ansonsten baugleiche Kombiversion, die auch in Länge und Radstand der Limousine entspricht.

Volvo S60 Jaguar XE Gebrauchtvergleich
H.D. Seufert

Zum typischen Schwedendesign des Volvo gehören klare Kanten einerseits und große gewölbte Flächen andererseits.

Im März wurde dem S60 ein sehr sanftes Facelift zuteil, welches sich aber auf nur dezente optische Auffrischungen und eine teilweise geänderte Motorenpalette beschränkt. Wie alle aktuellen Volvo-Verbrenner ist auch das Mittelklassemodell ausschließlich mit einem Zweiliter-Vierzylinder zu haben. Im Kombi gibt es ihn sowohl als Benziner, wie auch als Diesel, jeweils mit und ohne Hybridunterstützung. Für die Limousine gibt es leider keine Selbstzünder.

Die Stärken des S60

Wir würden jeden verstehen, der sich einen S60 kauft, obwohl er gar kein Auto braucht, allein weil der Innenraum ein herrliches Stück Automobildesign ist. Mit seinen ausgesprochen hochwertigen Oberflächen, die auch haptisch ein Fest sind, und dem stilsicher-geradlinigen Design, geprägt durch das mittig hochkant positionierte Infotainment bietet das Cockpit das genau richtige Maß aus avantgardistischer Verspieltheit und zweckmäßiger Bedienbarkeit. Ja, manche Funktionen erfordern einen Infotainment-Tipp mehr als unbedingt nötig, doch das Arrangement von Menüs und physischen Tasten erfreut jeden Technikverliebten. Am nächsten läge hier das Beispiel eines wertvollen Plattenspielers, den man gern in Betrieb nimmt, obwohl Spotify und Co. doch so praktisch sind.

Volvo S60 Jaguar XE Gebrauchtvergleich
H.D. Seufert

Detailverliebt und simpel zugleich: Das Interieur ist preisverdächtig. Die aufwendig gemachte Jalousie in der Mittelkonsole wirkt mit mattem Edelholz am wertigsten.

Apropos Musik: Eine dieser typischen Volvo-Spielereien besteht in diversen Klangkulissen, die die gern genommene Bowers-&-Wilkins-Hifianlage mit sich bringt. So lässt sich beispielsweise die Konzerthalle in Göteborg als Klang-Preset festlegen. Auch wer handwerkliche Feinheiten den digitalen Spielereien vorzieht, kommt auf seine Kosten. Auf der sinnlich arrangierten Mittelkonsole finden sich gleich mehrere Handschmeichler: der Drehknopf-Anlassschalter, die konturierte Walze für die Lautstärke und nicht zuletzt eine höchstfein verarbeitete Jalousie, die die Cupholder verdeckt. Gerade mit Edelholzausstattung entsteht der Eindruck einer einzigen, sauber durchgehenden Fläche, die aber in Wahrheit aus unzähligen fein ausgeschnittenen Holzelementen besteht.

Was, Sie wollen mit dem Auto auch fahren? Bitte schön: Der Vierzylinder kommt in allen Ausbaustufen ausreichend kräftig daher, und harmoniert unauffällig aber treffsicher mit der serienmäßigen Achtstufen-Automatik. Zum Facelift kam ein Siebengang-DKG dazu, was aber auf dem Gebrauchtmarkt noch kaum vorhanden ist. Die Karosserie gefällt mit feiner Verarbeitung und hervorragendem Rostschutz. Auch auf Details wie sehr gute Lichttechnik und blitzsauber abgestimmte Fahrassistenz wurde viel Wert gelegt.

Die Schwächen des S60

Bei so viel automobiler Sinnlichkeit wäre es wünschenswert, auch einen Sechszylinder mit feinem Lauf oder schönem Klang zu bekommen. Auch ein kräftiger Diesel wäre für Langstreckenfahrer eine gute Wahl – der technisch identische Kombi beweist, dass das ginge. Wunschdenken? Vielleicht, wenn der Volvo-Einheits-Vierzylinder perfekt wäre. Im Vergleich zur Konkurrenz läuft er jedoch relativ rau und schafft es klanglich wohlgemeint aufs Prädikat "belanglos". Zwar liefert er durch Aufladung, Software oder Hybridschub auf dem Papier eine beachtliche Leistung, doch so ganz souverän wirkt seine Längsdynamik eigentlich nie. Überdies ist der Antrieb recht trinkfreudig. Nennenswert unter acht Liter bewegt sich der Durchschnittsverbrauch der Nicht-Hybriden kaum. Bis auf ein paar Einzelfälle von kleineren Ölundichtigkeiten gilt das Zahnriementriebwerk immerhin als recht haltbar und pannensicher.

Volvo S60
Hans-Dieter Seufert

Die Motorabdeckung ist die perfekte Versinnbildlichung ihres Inhalts. Ja, es ist ein Motor. Solide und kräftig noch dazu, dafür aber charakterlich gänzlich unspektakulär.

Und sonst? Tatsächlich plagen sich die modernen Volvos kaum mit nervigen Fehlern – auch nach vielen Kilometern. Ab und zu hört man lediglich von Klapper- und Rasselgeräuschen aus dem sonst so gut verarbeiteten Interieur, sowie von Systemabstürzen des Infotainments, die allerdings mittlerweile größtenteils durch Softwareupdates behoben sein sollten.

Der Jaguar XE (Typ X760, seit 2015)

Der XE macht genau das, was die Engländer vorgeben, am besten zu können: Er hält an bewährtem fest und bietet Neuerungen überall da, wo's nötig ist. Beispiel gefällig? Woran denken Sie, wenn man Sie auf gebrauchte Jaguars anspricht? Sicher würde Ihnen elegantes Design in den Sinn kommen und hochwertige Materialien. Aber – seien wir mal ehrlich – vermutlich denken Sie noch immer an zweifelhafte Dauerhaltbarkeit, Elektronikfehler und überkomplexe Technik, die in einem hohen Wertverlust kumulieren, die eine eher zweifelhafte Besitzerschaft älterer Exemplare mit sich zieht. Oder?

Volvo S60 Jaguar XE Gebrauchtvergleich
H.D. Seufert

Kurvig sind Straße und Wildkatze gleichermaßen. Dass beide toll zusammenpassen, beweist der XE mit tollem Fahrwerk und sinnlichen Antrieben.

Genau hier setzt der XE an. Er bietet den hinreißenden Jaguar-Look, den man von Generation zu Generation eigentlich nur genießen kann und kombiniert ihn mit einem technischen Rückgrat, bei dem sich hochwertige Techniklösungen und haltbare Komponenten die Klinke in die Hand geben. Die Karosserie besteht größtenteils aus Alu, ebenso das Fahrwerk. Beides zusammen wurde auf höchste Verwindungssteifigkeit, ein niedriges Geräuschlevel und Leichtbau hin optimiert. Im Bug sitzen emotionale und (größtenteils) sehr haltbare Triebwerke, die ihre Kraft (fast immer) über das zurecht berühmte ZF-Achtstufen-Automatikgetriebe an die richtige Achse leiten. Also nochmal zum Mitschreiben: Schön, Schnell, Haltbar, gut zu fahren, Hochwertig. Und der markentypische Wertverlust? Der könnte Ihnen als Gebrauchtkäufer durchaus in die Karten spielen.

Die Stärken des XE

Er ist schön, schnell haltb... okay, das hatten wir ja schon. Messen wir ihn doch mal mit dem Maßstab des S60, überspringen das aufreizend gezeichnete Äußere und begeben uns ins Cockpit. Hier finden wir eher die Evolution englischer Opulenz als die schwedische Klarheit. So weit, so offensichtlich. Statt auf Geradlinigkeit, setzt der Jag auf klassische Linien, wie etwa die Zierleiste die sich von den Türverkleidungen nach vorn in den Armaturenträger zieht, und mittig in einem kleinen Union-Jack zusammenläuft – yes, please! Dazu passt auch die Nische, die den brauchbaren Touch-Infotainmentsystemen gelassen wird, die analog dargestellten Digitalinstrumente in Tuben, und das herrlich stilechte Dreispeichenlenkrad. Weniger groß sind die Unterschiede in der Materialgüte. Vieles von dem, was nach Leder oder Metall aussieht, besteht auch aus demselbigen. Berührungspunkte wie Lenkrad, Türgriffe oder auch die Sitze geben sich auch nach vielen Kilometern noch sehr hochwertig. Der Automatikwählhebel fährt theatralisch aus der Mittelkonsole aus und klickt taktil in die einzelnen Fahrstufen. Oder er fällt ab. Aber dazu später mehr.

Volvo S60 Jaguar XE Gebrauchtvergleich
H.D. Seufert

Völlig anders, aber doch ebenso geschmackssicher wie im Volvo kommt das hochwertige Cockpit des Jaguar daher.

Dieser Charme ist anziehend, aber bis hierher recht platonisch – schließlich sind wir ja noch gar nicht aufs Fahren eingegangen. Anders als der Volvo hält der Jaguar hier, was er verspricht. Auch er tritt nicht selten mit Vierzylinder-Benzinern an. Doch diese Aggregate atmen deutlich freier, wirken lebendiger, klingen emotionaler. Hier entsteht nicht dieses merkwürdige Gefühl, vom eigenen Vortrieb entkoppelt zu sein. Oberhalb der 300 PS (einer Liga, in der der Volvo nur mit Elektro-Schub mitspielen darf) steht Motorenbauadel in Form fantastisch klingender Sechs- und Achtzylinder zur Verfügung, die auf dem Gebrauchtmarkt schon fast gefährlich erschwinglich sind. Die Liaison vertieft sich, wenn ich Ihnen nun sage, dass diese Aggregate nicht mal einen schlechten Ruf haben. Im Gegenteil: bis dato erweisen sie sich als erstaunlich problemlos. Im noch enthemmter röhrenden F-Type gehören sie außerdem zu den bestklingenden Antrieben unserer Zeit.

Die Schwächen des XE

Hat sich das ein wenig zu verliebt angehört? Nun ja, wie gesagt, halten die Engländer ja an Bewährtem fest, also gibt es auch im XE ein paar kleinere Fehltritte, die bei gebrauchten Exemplaren auftreten können. Ein paar davon können durchaus zur Geduldsprobe im Alltag werden. So neigen die Türschlösser teilweise zum Klemmen, teilweise zum sporadischen oder Komplettausfall. Das normalerweise relativ leicht bedienbare Navi reagiert nicht immer perfekt auf Touchbefehle oder kann einfrieren und abstürzen. Nicht immer helfen hier Softwareupdates. Wie bereits erwähnt, gibt es Grobmotoriker, die den eleganten Wählhebel-Drehknopf mechanisch derart beschädigen, dass er sich von seiner Welle löst oder nicht mehr einfährt. Im Worst Case erkennt die Elektronik dann nicht mehr, ob sich der Hebel in Stellung P befindet, und vereitelt so einen Motorstart. Bis hierhin ist keine dieser Schwächen eine wirklich teure Baustelle.

Jaguar XE
Dino Eisele

Die Ingenium-Dieselmotoren von Jaguar-Land-Rover sind prinzipiell eine feine Sache - sofern die Lagerung der Ausgleichswellen nicht für Kummer sorgt.

Die größte mögliche Schwachstelle des XE lässt sich leider nicht homogen auf bestimmte Baujahre oder Versionen eingrenzen: Die Lager der Ausgleichswellen der Dieselmotoren können ausschlagen und durch Schwingungen auf Dauer die Steuerkette des ansonsten sehr zuverlässigen Motors längen. Es ist beim Kaltstart also auf Rasselgeräusche zu achten. Der Großteil dieser Motoren läuft problemlos. Ob die betroffenen Exemplare ihre Schäden aus versäumter Wartung oder schlechter Behandlung (mangelndes Warm- und Kaltfahren) ziehen, oder aber durch Produktionsfehler bekommen, ist unklar. So ist beim Gebrauchtkauf neben genauem Hinhören ein Check beim Profi empfehlenswert. Spätere Baujahre gelten hier als ausgereifter.

Kaufvergleich: Welchen nehmen?

Der zum Teil durchaus rosarot verfärbte Blick auf S60 und XE beweist, dass das eingangs genannte Ziel, zu vernünftigen Preisen ein wenig Luxus in der Mittelklasse zu bekommen, beiden Autos hervorragend gelingt. Auch bieten beide zuverlässige Technik, die im Alter nur wenig Kummer bereiten dürfte. Tolles Design und hinreißende Innenräume bieten ebenfalls beide.

Hier beginnen die echten Unterschiede. Im Kauf besitzt der Jaguar größere Vorteile, die sicher nicht alle auf seine drei Jahre längere Bauzeit und die minimal schlechtere Grundausstattung zurückzuführen sind. Es gibt deutlich mehr XE als S60. So sind sie auch deutlich günstiger. Während gute Jaguars bei 16.000 Euro anfangen, liegt das Minimum für einen S60 bei rund 25.000 Euro. Zieht man einen faireren Vergleich, indem man den Jaguar auch als kräftigen Benziner mit guter Ausstattung sucht, schrumpft die Distanz ein wenig, bleibt aber dennoch spürbar.

Volvo S60 Jaguar XE Gebrauchtvergleich
H.D. Seufert

So viel steht fest: wenn wir schon über einen Luxusvergleich sprechen (Budget hin oder her), dann steht der Geschmack im Vordergrund. Ein kleiner Vorsprung für den Jaguar entsteht erst, wenn man die beiden Kontrahenten auf dem Papier vergleicht.

Den Vorteil Hybrid kann der XE nicht bieten, doch dafür den viel populäreren Selbstzünder, der gerade in den schwächeren Versionen für astreine Verbräuche im hohen Vierliter-Bereich gut ist. Hinzu kommt die Option auf größere Motoren und waschechte Sportversionen, bei denen der Volvo endgültig kein Land mehr sieht. Nimmt man nun noch die etwas lustlose Charakteristik des schwedischen Vierzylinders dazu, kann der Sieger in diesem Vergleich eigentlich nur eine Raubkatze auf der Motorhaube tragen – auch, und gerade als Gebrauchtwagen.

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Design! Ein edles Auto muss gut aussehen und sich so anfühlen.Technik! Ein Auto ist zum Fahren da. Schönheit kommt erst danach.

Fazit

Die Attribute Noblesse und Nutzwert müssen sich nicht zwingend ausschließen – auch wenn einem eine C-Klasse oder ein A4 zu mondän erscheint. Volvo und Jaguar stimulieren ganz ähnliche Sinne. Wer keinen Diesel braucht und auf sinnliche Antriebe keinen zu großen Wert legt, bekommt mit dem Volvo ein fantastisches Designerstück zum – nun ja, angemessenen Preis. Richtig günstig ist er nur im Vergleich zum Neupreis (!). Der Jaguar hingegen schafft's ins Discountregal und bietet dennoch eine große Motorenpalette. Das macht ihn in mehreren Hinsichten zum klügeren Kauf.

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AUTO MOTOR UND SPORT 09 / 2024
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Erscheinungsdatum 11.04.2024

148 Seiten