Interview mit Thomas Körzdörfer
„Mit Telematik wissen wir, wie jemand fährt“

Daten spielen für die Versicherungen die entscheidende Rolle. Die HUK-Coburg wertet mittlerweile über 500.000 Telematiktarife aus. Thomas Körzdörfer, Leiter Data Analytics, über Erkenntnisse in Sachen Sicherheit und Nachhaltigkeit.

Thomas Körzdörfer HUK
Foto: HUK
Datengetriebene Geschäftsmodelle werden immer wichtiger. Wie bleibt man hier als Versicherer wettbewerbsfähig?

Wir müssen alle Daten, die wir haben, möglichst effizient und zielgerichtet nutzen, um unseren Service zu verbessern. Da geht es um Daten aus Fahrzeugen, aber auch von Rechnungsbelegen, Kunden- und Browserdaten auf einer Website –alle Daten, die uns zur Verfügung stehen.

Welche Rolle spielen Ihre Telematiktarife?

Die Informationen über die Fahrt und das Fahrverhalten der Kundinnen und Kunden, die wir dabei erhalten, sind sehr wertvoll. Man sieht, wer sicher oder eher risikoreich fährt. Stand heute ist die einzige Informationsquelle dazu die Scha- denfreiheitsklasse. Aber wer jung ist und zum ersten Mal eine Versicherung hat, kann uns das nicht nachweisen. Der muss erst einmal lange unfallfrei fahren, bis wir nach zehn Jahren feststellen können, dass diese Person sicher fährt. Mit Telematik wissen wir das nach kurzer Zeit. Diese Erkenntnis erlaubt uns die Gestaltung neuer Versicherungsprodukte, die wir in Zukunft anbieten können.

Unsere Highlights
Mann schaut Telematik im Auto an
HUK
Wer einen Telematiksensor einbaut, spart Geld und kann seinen Fahrstil in Sachen Nachhaltigkeit verbessern.
Der Austausch von Daten soll auch politisch gefördert werden. Wie stehen wir im internationalen Vergleich da?

Aus meiner Sicht ist die EU hier sehr weit vorne. Ich glaube, dass es in anderen Wirtschaftsräumen, insbesondere in den Vereinigten Staaten, aber auch in China, deutlich weniger kundenfreundliche Regelungen gibt. In China ist es eher die Regierung, die für sich in Anspruch nimmt, die Kontrolle über die Daten zu haben. In den USA sind es die großen Wirtschaftseinheiten und Unternehmen, die nahezu eine Monopolstellung haben wegen der zu geringen Regulierung. Aus meiner Sicht hat die EU eine Vorreiterrolle, was einen sehr kunden- und verbraucherfreundlichen Umgang mit Datenschutz, aber eben auch der Zulassung von Services, von denen Verbraucher und Verbraucherinnen zukünftig profitieren werden, angeht.

Wenn ich bei Ihnen Versicherungsnehmer bin, verdiene ich mit meinen eigenen Daten, weil Sie mir einen günstigeren Tarif anbieten können. Wird es für mich auf Sicht noch andere Möglichkeiten geben?

Stand heute machen wir den Kundinnen und Kunden im Fall der Telematikversicherung ein Angebot, das im Wesentlichen drei Komponenten umfasst. Da ist der Sicherheitsaspekt: Wir incenti- vieren sicheres Fahren und geben den Kunden Rückmeldung in der App, wie sie ihr Fahrverhalten verbessern können. Durch eine entsprechend niedrigere Prämie lässt sich Geld sparen. Dann gibt es einen Nachhaltigkeitsaspekt: Wir fördern umweltbewusstes Fahren. Wenn die Fahrer weniger Energie verbrauchen, wird Geld für einen guten Zweck gespendet. Und es gibt einen Komfortaspekt, insbesondere durch unsere "Mein Auto"-App, über die der Kunde seinen Schaden melden kann. Wenn wir über den Telematiksensor einen Unfall erkennen, kontaktieren wir den Kunden aktiv und fragen ihn, ob er den Schaden direkt melden möchte. Das geht mit wenigen Klicks in der App. Wir schnüren also ein Gesamtpaket. Als Gegenleistung stellt uns der Kunde seine Daten zur Verfügung, die wir brauchen, um diese Services anzubieten.

Wie verbessert KI und Datenanalyse künftig das Leben des Kunden?

Da sehe ich sehr viel Potenzial, vor allem bei der Schadenbearbeitung. Heutzutage wissen wir immer viel zu wenig: Was ist genau passiert, wie sieht der Schaden aus? Was muss repariert werden, und wie teuer wird das? Viele Kunden sind sich nach einem Unfall unsicher, ob sie ihn der Versicherung melden sollen. Wir würden die Kunden künftig gerne proaktiv informieren, was die Reparatur in etwa kostet und wie sich das auf den Versicherungsbeitrag auswirkt. Das befreit die Kunden von ihrer Unsicherheit. Wir möchten künftig auch schnell darüber informieren können, wo es Ersatzteile gibt oder wie lang ggf. die Lieferzeiten sind. Sie müssen also nicht mehr warten, bis sich die Versicherung meldet. Wir werten die Telematik- und Bilddaten aus und kümmern uns um den Rest. Das ist für beide Seiten eine Win-win-Situation und erhöht durch eine schnelle Schadenregulierung den Komfort.

Wir träumen von der Vision Zero, also keine Toten im Straßenverkehr. Erreichen wir das nur durch einen Datenaustausch aller Mobilitätsanbieter?

Es ist absehbar, dass die Risiken in Zukunft durch den besseren Austausch im Mobilitätsdatenraum sinken werden. Da spielt auch die grundsätzliche Erhöhung der Verkehrssicherheit, zum Beispiel durch bauliche Maßnahmen, eine große Rolle.

Nehmen Sie proaktiv Einfluss, wenn Sie vermeidbare Unfallschwerpunkte erkennen?

Wir arbeiten hier mit der Initiative für sichere Straßen zusammen, um gefährliche Straßenabschnitte zu identifizieren. Wir versuchen, diese Segmente durch unsere Daten zu erkennen. Die Initiative sucht dann den Austausch mit Straßenbauämtern und Gemeinden. Aber dann ist es in der Verantwortung der Behörden, hier zu handeln.

Das scheint aber ein Prozess zu sein, der noch viele Jahre in Anspruch nimmt, bis er in der Breite einen Erfolg aufweisen kann, oder?

Es wird definitiv noch etwas dauern, weil das Thema wahnsinnig komplex ist. Wir haben mit unserem Telematiktarif den großen Vorteil, dass alle Fahrzeuge, egal welche Marke, mit derselben Sensorik ausgestattet sind und dieselbe Art von Daten liefern. Wir haben deshalb für die über 500.000 Fahrzeuge in unserem Telematiktarif sehr einheitliche Datenstrukturen, die wir auswerten können. Wenn wir das heute mit Daten aus vernetzten Fahrzeugen machen wollten, dann gäbe es nicht nur Unterschiede zwischen allen Herstellern, sondern auch noch zwischen den verschiedenen Fahrzeuggenerationen. Das alles unter einen Hut zu bringen und auszuwerten, ist schon ein dickes Brett. Aber spätestens dann, wenn wir in Richtung automatisiertes Fahren denken, dann muss ein solcher Datenaustausch möglich sein, um die Fahrsicherheit zu gewährleisten.

Schwebt nicht im Hintergrund die Angst mit, dass Tech-Giganten wie Google diese Daten viel schneller beherrschen und für Sie ein Konkurrent werden?

Die Überlegung ist berechtigt. Wenn Google das wollte, dann würden sie das sicher schneller als die HUK-Coburg oder irgendeine andere Versicherung umsetzen. Aber es gibt ja auch noch den Datenschutz. Das heißt, Daten müssen zweckgebunden weitergegeben werden. Und als Versicherer haben wir gegenüber unseren Kunden einen Zweck. Bei Google ist der Zweck der Datenaufzeichnung die Verbesserung des Kartenmaterials. Da wird es dann schon schwierig, zu rechtfertigen, warum man Fahrsicherheitsaufzeichnungen auswerten will. Tech-Giganten haben große Ressourcen. Aber wir als Versicherer haben uns über Jahre das Vertrauen der Kunden erarbeitet – und das ist auch der Grund, warum sie uns ihre Daten zur Verfügung stellen.

Welche Services können Sie den Kunden künftig datenbasiert noch anbieten?

Ich glaube, mit Telematik Plus haben wir einen sehr guten Anfang, wie künftig eine Kfz-Versicherung aussehen könnte. In Zukunft wird es hoffentlich nicht mehr nötig sein, den Kunden Sensoren zuzusenden, die sie dann an die Windschutzscheibe kleben. Die Daten sollten aus dem Auto selbst kommen. Dann können auch mehr Informationen zum Beispiel über das Eingreifen der Fahrassistenzsysteme verwendet werden. Ich glaube, Mobilität wird in Zukunft viel flexibler, und dann muss auch die Kfz-Versicherung flexibler werden. Wenn ich weiß, wer zu welchem Zeitpunkt mit welcher Art von Fahrzeug unterwegs ist, dann kann ich sehr individuell und auch kleinteilig Versicherungsbeiträge berechnen. Als HUK-Coburg wollen wir uns nicht nur als Versicherer weiterentwickeln, sondern auch als Teil des Ökosystems Mobilität.

Wird es auch darum gehen, möglichst CO₂-neutrale Versicherungskunden zu haben?

Definitiv. Nachhaltigkeit treibt uns sehr um. Und je nachdem, wie die Lösungen in Zukunft aussehen, werden Versicherer wahrscheinlich auch einen Teil der Nachhaltigkeitszuschläge tragen müssen, die insbesondere auf Verbrennerfahrzeuge zukommen.

Aktuell sehen wir einen Trend zu großen Elektroautos mit schweren Batterien, die hohe Regulierungskosten verursachen können. Was denken Sie darüber?

Wir haben vor einiger Zeit die entsprechenden Telematikdaten ausgewertet, um zu verstehen, wie viele Kunden aufgrund ihrer Fahrweise wirklich so große Batterien benötigen. Und wir haben dabei herausgefunden, dass die wenigsten so große Batterien benötigen. Die meisten unserer Kunden können problemlos mit kleineren Elektroautos und kleineren Batterien das ganze Jahr unterwegs sein, ohne dass sie eine Extra-Pause für das Aufladen des Akkus machen müssten. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, den Kunden hier künftig Feedback zu geben: Was wird angesichts des Fahrprofils wirklich benötigt? Auch eine der Service-Ideen, die wir für die Zukunft haben.

Beratung beim Autokauf durch die Versicherung und nicht durch den Händler: Könnte das ein neues Geschäftsmodell für die HUK-Coburg sein?

Es ist definitiv ein Geschäftsmodell. Ich weiß nur noch nicht, ob es auch profitabel sein könnte. Wenn wir im Mobility Data Space europaweit mehr Daten austauschen, dann können wir auch sehr genau sagen, wo mehr Lade-Infrastruktur benötigt wird, wo Menschen rasten und welche Plätze sich für Ladesäulen optimal eignen – weil wir das Fahr- und Bewegungsverhalten der Menschen sehr gut abbilden können.

Was wissen Sie über den Umgang mit E-Autos aus Ihren Daten?

Wir können auf der Basis der Verbrenner-Daten durchaus extrapolieren, was das für Elektroautos bedeutet. Wir sehen zum Beispiel, dass die Nutzung des E-Autos als Zweitfahrzeug steigt, wenn auch die Preise für Diesel und Benzin steigen. Wir können aber auch sehen, dass hohe Preise für Benzin und Diesel sich stark auf das Fahrverhalten auswirken. Kunden fahren sparsamer und nachhaltiger, wenn der Sprit teuer ist. Elektroauto-Fahrer hingegen reagieren nicht.

Vita

Thomas Körzdörfer (42) ist seit 1. Februar 2023 Leiter der neu gegründeten Abteilung "Data Analytics" bei der HUK-Coburg. Der promovierte Physiker und Datenwissenschaftler ist seit 2018 bei der HUK-Coburg tätig und war zuletzt für die Data-Analytics-Aktivitäten des Aktuariats im Bereich der Schaden- und Unfallversicherung verantwortlich. Im Rahmen des neu aufgelegten Data-Analytics-Programms arbeiten verschiedene Teams Hand in Hand und sollen um die Bereiche Data Science und Machine Learning erweitert werden.