Audi Q3 und VW Tiguan im Gebrauchtvergleich
Gebraucht gleich oder doch ganz anders?

Sie sind beliebt wie warme Semmeln und ebenso allgegenwärtig: Zwei typische Vertreter der Kompakt-SUV-Riege. Beide stammen aus dem VW-Konzern und beide teilen sich ihre Technik. Sind sie auch als Gebrauchte gleich gut?

Gebrauchtvergleich Audi Q3 VW Tiguan
Foto: H.D. Seufert

In vielerlei Hinsicht gleichen sich die Plattformbrüder Audi Q3 und VW Tiguan. Bodengruppe, Antriebe, Radaufhängungen und zahllose Technikteile sind identisch. Auch was den Eindruck angeht, den sie mit meist weißem Lack und großen Alufelgen vor dem Reihenhaus mit Steinvorgarten schinden, nehmen sich die beiden nicht viel. Dennoch besitzen beide Kompakt-SUV einen ganz unterschiedlichen Charakter. Ist das reine Abstimmungssache, oder hat das mit Qualität zu tun? Und wie haltbar ist das Ganze auf Dauer?

Das große Gebrauchtwagen-Spezial

Der Audi Q3 (Typ F3, seit 2018) im Detail:

Spricht man im Reitsport von einer versammelten Gangart, wölbt das betroffene Pferd seinen Rücken und schreitet mit den Hinterfüßen besonders nah an die Vorderbeine. Das Ergebnis: ein konzentriertes Vorankommen mit gemäßigtem Tempo, aber viel Kraft und ein spielerisch leichtes Tragen des Reiters. Pferdefreunde mögen die unsachliche Formulierung verzeihen, Nichtreiter diese Ausschweifung, aber ziemlich genau so war und fuhr der erste Audi Q3. Kraftvoll, trittsicher, bequem, aber mit merkwürdig rundem Buckel, kurz wirkendem Radstand und entsprechend fast etwas staksigem Fahrverhalten. Vieles an ihm wirkte ein wenig, als habe Audi eine markentypische Karosse etwas unbedarft über einen Tiguan der ersten Generation gestülpt.

Gebrauchtvergleich Audi Q3 VW Tiguan
H.D. Seufert

Der Audi Q3 gibt sich in zweiter Generation besonders fein gemacht. Was wertvoll aussieht, fasst sich auch so an. Sogar in der Fahrabstimmung liegt er auf Augenhöhe mit größeren Ingolstädtern.

Genau da besserte der zweite Q3, der 2018 das Licht der Welt nach, und genau dort beginnen die großen Unterschiede zum Technikbruder VW Tiguan. Wirksam gelang es den Ingolstädtern, den noblen Charakter, den man mit vier Ringen verbindet, in den Q3 einfließen zu lassen. Die penible Karosserieverarbeitung, das fluffige Türschließgeräusch, der erstklassige Geräuschkomfort, die leichtgängig-direkte Lenkung und auch die stets etwas trübtaube Gasannahme – alles findet sich im aktuellen Q3. Bringt man das alles in Schwung, stellt sich überdies ein angenehm satt wirkende Straßenlage ein. Innen wie außen zeigt sich das bullig "markantige" Design, was sich ganz ähnlich auch am Muskelklops Q8 wiederfindet. Kurzum: die Verwandtschaft zum Tiguan zeigt sich fast ausschließlich auf dem Papier oder der Hebebühne.

Die Stärken des Q3:

Alles Positive aus der Charakterbeschreibung lässt sich als Stärke festhalten – und es ist nicht eben wenig. Speziell in Sachen Verarbeitung zeigt Audi mit dem Q3, wie es geht. Wo Auge und Hand auch hinfallen, zeigen sich spürbar hochwertige Materialien, die allesamt piekfein verbaut sind. Gerade dies gereicht zum Vorteil des Gebrauchtkäufers. Um nach gut 100.000 Kilometern das Interieur eines Q3 wieder in Neuwagenzustand zu versetzen, genügt ein Staubsauger und ein feuchtes Tuch mit etwas Cockpitreiniger. Ganz ähnlich ist es außen um die Oberflächen von Lack und Kunststoffteilen bestellt. Noch ein Vorteil gegenüber dem ersten Q3: Er büßt in puncto Raumangebot nicht mehr ganz so viel Platz ein, wenn man ihn mit dem geräumigen Tiguan vergleicht. 530 bis 1.525 Liter Kofferraumvolumen sind locker familienurlaubsfähig und im Fond fühlen sich auch Erwachsene bequem aufgehoben. Der größte Pluspunkt: Fast alle Stärken bleiben im Alter erhalten, da der Q3 bis dato erfreulich wenige Probleme bereitet. Anders als die meisten größeren SUV federt er nicht mit erhöhtem Fehlerrisiko auf Luft und auch unter der Motorhaube hat Mutter VW endlich alle chronischen Krisenherde beseitigt. Selbst die einst nur begrenzt haltbaren DSG-Automaten, welche bei den meisten Q3 an Bord sind, zeigen sich (bislang) unproblematisch. Wer ganz auf Nummer Sicher gehen möchte, bekommt die meisten Motoren auch mit Schaltgetriebe.

Audi Q3 45 TFSI Quattro
Achim Hartmann

Klar fällt der Audi nicht ganz so hallenartig aus, wie der Tiguan. Dennoch lässt das Platzangebot nirgendwo einen Wunsch nach mehr aufkommen.

Die Schwächen des Q3:

Wer die reine Lehre des Fahrens liebt, dem mag der Q3 in seiner Abstimmung vor Fahrwerk und Antrieb eine Spur zu synthetisch vorkommen. Dem kann sich sogar der prinzipiell hinreißend motorisierte RSQ3 nicht gänzlich entziehen. Umgekehrt greifen überzeugte Fahrdynamik-Gourmets ohnehin selten zum Kompakt-SUV. Technisch und in Sachen Haltbarkeit gibt es nur wenige Einwände. Die ansonsten rundum empfehlenswerten TDI-Diesel kränkeln hin und wieder mit internen Undichtigkeiten des motornah verbauten Ladeluftkühlers. Hier kann unbemerkt und langsam Kühlwasser verdampfen, dessen Spuren sich nirgends wiederfinden. Das ist aber relativ unproblematisch reparabel. So motorisiert und mit Allrad (Quattro steht in diesem Fall nur für ein herkömmliches Hang-On-System), darf der Q3 bis zu 2,2 Tonnen an die Anhängerkupplung nehmen. Das ist im Klassenvergleich ein guter Wert aber dennoch etwas weniger als die üppigen 2,5 Tonnen, die VW dem Tiguan zutraut. Ob die Ingolstädter wohl eine Spur realistischer sind, was die Haltbarkeit des Materials angeht? Fest steht: langsam häufen sich arge Getriebeschäden von DSG-Autos, deren Anhängelast häufig voll ausgenutzt wird. Hängerkapitäne mögen also nach wie vor lieber zu Konkurrenten mit Wandlerautomatik greifen.

Audi RS Q3
Achim Hartmann

Wie hier das Topmodell RSQ3 mit sinnlichem Fünfzylinder sind die meiste Q3 mit einem Doppelkupplungsgetriebe ausgerüstet, was (zumindest ohne viel Hängerbetrieb) seine Sache zuverlässig erledigt. Die meisten Antriebe gibt's jedoch auch als Schalter.

Der VW Tiguan (Typ AD1, seit 2016 im Detail):

Der Tiguan war das erste VW-Modell, dem es gelang, den einstigen Dauerbrenner Golf vom Thron der Zulassungsstatistik zu werfen. Dabei ist er so deutsch wie Sandalen im Urlaub, Meckern über Spargelpreise und Mitklatschen bei Livemusik. Nicht falsch verstehen: Es dürfte wohl zwischen Flensburg und Füssen kaum einen Autofahrer geben, der mit dem Tiguan und seinen Fähigkeiten objektiv nichts anfangen könnte. Das Auto ist enorm geräumig, komfortabel, fahrsicher, trotz trendiger SUV-Form sparsam im Verbrauch und überdies noch von einer großen Ausstattungs- und Motorenvielfalt bereichert. Das resultiert in enormen Stückzahlen und einem nicht minder üppigen Angebot an gebrauchten Exemplaren, die überdies auch noch überwiegend sehr frisch daherkommen, selbst wenn bereits recht hohe Laufleistungen auf dem Kilometerzähler prangen. Für alle messbaren Vorzüge sprechen unzählige Tests, die Sie bei uns finden können. Das klingt, als seien wir schön ins Kapitel "Stärken" gerutscht? Schon, doch für manch einen stellen all diese Attribute auch ein Höchstmaß an Langeweile dar. So ein Tiguan ist objektiv gut. Doch macht er auch Freude? Diese Frage darf man sich bei einem derart weitverbreiteten Alleskönner durchaus fragen. Wäre ein gebrauchter Tiguan eine Eissorte, so handelte es sich um Vanille.

Gebrauchtvergleich Audi Q3 VW Tiguan
H.D. Seufert

Der Tiguan ist aus dem aktuellen Straßenbild kaum wegzudenken. Durch seine schiere Nützlichkeit und die gute Qualität erfreut er sich durchweg größter Beliebtheit.

Die Stärken des Tiguan:

Spaß bei Seite: Es ist schwer, überhaupt Argumente gegen einen Tiguan zu finden. Würde man ein Auto entwickeln, nur um Punkte im Test einzuheimsen, würde mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Tiguan dabei herauskommen. Nüchtern lässt sich hier auch loben, dass er auch als 150-PS-Benziner mit Radkappen, Vorderradantrieb und Schaltgetriebe prima funktioniert. Der Audi-Überschwang, der sich zweifelsfrei genießen lässt, ist im Tiguan gar nicht nötig. Statt des letzten Quäntchens Geräuschdämmung oder der strengen Fahrwerkspräzision verwöhnt der Tiguan mit einem familiengerecht luftigen Interieur und einem Federungskomfort, der auch üble Eskapaden über Marterpfade spielend schluckt. Genaugenommen trüben tiefergelegte R-Line-Exemplare mit extrabreiten 19-Zöllern diesen Eindruck eher – doch selbst die fahren noch erstaunlich gut – wenn auch nicht mitreißend. Auch in Sachen Materialqualität und Haltbarkeit bleibt der Tiguan bodenständig. Grundsätzlich steht er auch als Kilometerkönig dem hochwertigeren Q3 in kaum etwas nach, weil weder Sitze noch Lenkrad nur höchst selten wirklich verbraucht wirken. Dennoch finden sich im VW eher mal Exemplare, deren Innenraum im Alter ein wenig abgescheuert wirkt. Das gilt aber auch für alte Volvos. Zu guter Letzt ein wohlverdienter Schulterklopfer fürs Platzangebot. 615 bis 1.655 Liter Kofferraumvolumen sind diesseits von Oberklassekombis eine echte Macht. 760 bis 1.920 Liter sind es beim extralangen Allspace, der optional sogar noch zwei weitere Mitfahrer mit an Bord nehmen kann.

VW Tiguan
Achim Hartmann

Das große Platzangebot des Tiguan überzeugt nicht allein auf dem Papier. Glatte Flächen und eine quaderige Grundform erleichtern die Nutzung des Laderaums.

Die Schwächen des Tiguan:

Mögliche Technik-Wehwehchen an gebrauchtgen Exemplaren haben wir bereits beim Q3 erwähnt – der Ladeluftkühler beim Diesel, sowie DSG-Verschleiß bei häufigem Anhängerbetrieb (oft auch durch Falschbedienung hervorgerufen). Abstimmungsbedingt kommt es bei Tiguans mit DSG eher zu ruckeligem Anfahren, als es beim Audi der Fall ist. Besitzt das Gebrauchtexemplar das üppige Panoramaschiebedach, kommt es durchaus hin und wieder zu Klappergeräuschen, seltener auch zu Undichtigkeiten. Einen letzten, dafür wohlverdienten Rüffel verdient er für das große Top-Navi ab 2017, welches auf die beiden Drehknöpfe verzichtet, öfter mal hakt oder abstürzt und so den Wandel von annähernd perfekter Bedienbarkeit hin zu einer echten Infotainment-Schwäche bei VW begründete.

VW Tiguan Allspace 1.5 TSI, Interieur
Hans-Dieter Seufert

Zankapfel im Tiguan ist nicht selten das große Navi der späteren Baujahre (auch schon vor dem Facelift 2020). Abstürze, träge Touchflächen, weniger eingängige Menüführung, und vor allem das Wegsparen der praktischen Drehknöpfe machten aus einer hervorragenden Bedienbarkeit eine höchstens mittelmäßige.

Kaufvergleich: Welchen nehmen?

Nicht selten fällt es schwer, als Conclusio einen Gebraucht-Tipp abzugeben, wenn beide Optionen sich allzusehr ähneln. Die ungleichen Brüder Q3 und Tiguan machen es da leichter. Technisch sind beide praktisch identisch in Haltbarkeit und Problemarmut, sodass sich Käufer ganz auf die eigenen Wünsche konzentrieren wollen. Stellen Sie sich die Frage, ob für Sie eher der Praxisnutzen im Vordergrund steht, oder die luxuriöse Anmutung. Stehen beide Fahrzeuge gemeinsam in der Suchmaske, finden sich Inserate in reichlich fünfstelliger Zahl. Dabei besteht das Angebot zu etwa einem Viertel aus Audis, der Rest aus VW. Die Ausstattungsvielfalt des Tiguan erlaubt es, Gut-und-Günstig-Exemplare zu finden, die auch mit geringer Laufleistung nicht weit von der 20.000-Euro-Marke entfernt sind, während sich die meisten Q3 eher nördlich davon befinden.

Gebrauchtvergleich Audi Q3 VW Tiguan
H.D. Seufert

Nüchtern betrachtet sind Q3 und Tiguan gleichsam empfehlenswerte Gebrauchtwagen. Ihre unterschiedlichen Charakteristika erlauben eine Wahl ganz nach Geschmack.

Umfrage
Prunk oder Praxisnutzen? Greifen Sie lieber zum Audi, oder doch zum VW?
83 Mal abgestimmt
Das Audi-Verwöhnaroma gönne ich mir auch für ein paar Euro mehr.Der VW ist im Alltag unschlagbar. Da verzichte ich gern auf ein paar Feinheiten.

Fazit

Beide Plattformbrüder stellen einen ähnlich vernünftigen Kauf dar. Ihre unterschiedlichen Ausprägungen erlauben es, sich ganz auf den eigenen Geschmack zu konzentrieren. Die gute Haltbarkeit ermöglicht es, einen prinzipiell teureren Audi mit etwas höherer Laufleistung zum Preis eines Tiguan zu bekommen – auch ohne Bauchschmerzen.