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Mercedes SLS AMG im Test

Mercedes SLS AMG im Test
Neuinterpretation des Flügeltürers

Spektakel, Show und Sexappeal, dafür steht der Flügeltürer Mercedes SLS AMG. Doch kann die Neuinterpretation des Übervaters 300 SL mehr als Aufsehen erregen? Schließlich will sie ein echter Supersportwagen sein.

Mercedes SLS AMG
Foto: Hans-Dieter Seufert

Endlich kann er sich beweisen. Etwas zu lange wurde der Mercedes SLS AMG nur öffentlich herumgereicht. Er schien auf dem besten Wege in die Showstar-Ecke. Doch da gehört der Supersportler genauso wenig hin wie in den Schatten seines Vorfahren, des Mercedes 300 SL. Also rauf auf die Rennstrecke. Attacke in Hockenheim.Ohne Rücksicht auf Retro-Romantik werfen wir den SLS AMG ins Eck, geben ihm Feuer unterm Hintern, peitschen ihn aus der Kurve, stauchen ihn in der Anbremszone wieder zusammen, lassen das entlastete Heck fliegen und die hinteren Gummis rauchen, bis sich die Vorderräder auf der Start-Ziel-Geraden einhaken. Dafür ist er geschaffen, das vermittelt er auf den ersten Metern.

Kein schüchternes Abtasten des Gripniveaus, kein verschämtes Gasgeben, kein suchendes Lenkrad-Sägen. Schon die erste Runde auf dem Kleinen Kurs fliegt, die nächste steigert sich bis ans Limit: je nach persönlichem Fahrstil in der Sport-Stufe des ESP bei Zug leicht unter- oder bei Lastwechsel weich übersteuernd. Drift-Künstler werden sich allerdings am nicht deaktivierbaren Bremseneingriff stören; er soll die Arbeit des Differenzials erleichtern, verpfuscht aber die Linie. Am Ende zeigt die Uhr 1.11,5 Minuten, der Mercedes SLS AMG ist schneller als ein zum Vergleich mitlaufender Porsche 911 Turbo (1.11,9). Fühlen wir uns beim Schnellfahren so heimisch,weil wir diese Knöpfe schon kennen?

Innerer Auftritt des SLS AMG hält mit äußerem nicht Schritt

Auch das SLS AMG-Cockpit bleibt im Prinzip umgeschneiderte Mercedes-Konfektionsware; es kommt keine Supersportwagen-Ehrfurcht auf. Da ändert selbst die Kohlefaser-Tapezierung (8.330 Euro) wenig. Der innere Auftritt hält mit dem äußeren nicht Schritt. Und Letzterer ist eindrucksvoll, auch weil der SLS so lang wie eine E-Klasse ist.Blicken wir also über die Großserien-Welt hinweg und fokussieren stattdessen das Besondere: die Stretch-Fronthaube. Darunter schnorchelt ein 6,2-Liter-V8, der Bestseller von AMG – potent wie nie. Mit 571 PS ist der SLS ein PS stärker als der Ferrari 458 Italia. Anders als der italienische 4,5-Liter-Rennmotor mit 180-Grad-Kurbelwelle stemmt der deutsche Hubraumriese sein Drehmoment auf eine 90-Grad-Kurbelwelle, stimmt also den Big-Block-Beat an. So patriotisch wie der AMG lospoltert, würde ihn sogar die US-Republikanerin Sarah Palin einbürgern.

Vollgas. Nach 150 Millisekunden öffnen die beiden Drosselklappen des Mercedes SLS AMG, und acht Ansaugtrichter schlotzen die neuneinhalb Liter fassende Airbox leer. Der V8 stampft aus der Tiefe. Es bebt das Trommelfell, es prickelt das Zwerchfell, es zieht der Nacken. Dabei ist die Eruption der 650 Nm bei 4.750/min erst der Anfang; es folgt die Explosion der 571 PS bei 6.800/min. Man muss den Entwicklern dankbar sein, dass sie diesen kribbeligen Saugmotor und nicht den V12-Biturbo-Haudrauf aus dem SL? 65 AMG hinter der Vorderachse versenkt haben. Es wäre ein Dragster und kein Dribbler entstanden.

Automatisierte Launch-Control-Funktion macht aus jedem Käufer einen Rennfahrer

Dass das Messgerät im Mercedes SLS AMG nach Null-auf-hundert bei 3,9 Sekunden verharrt, liegt nicht an fehlender Leistung, sondern an mangelnder Traktion. Gegen die Allrad-Macht eines Porsche 911 Turbo (3,3 Sekunden) kann auch die automatisierte Launch-Control-Funktion des hinterradgetriebenen Mercedes SLS AMG nichts ausrichten. Immerhin erhebt sie jeden Käufer in den Stand eines starterprobten Rennfahrers, er muss nur folgendes Prozedere einhalten: Getriebe-Programm auf RS wie Race-Start, ESP-Sport vorwählen, linker Fuß auf die Bremse, der rechte Mittelfinger zieht am Hochschalt-Paddel, der rechte Fuß gibt Vollgas und der linke rutscht vom Bremspedal. Gewalt marsch.

Das Doppelkupplungsgetriebe von Getrag bietet vier Programme von Controlled Efficiency für Drehmoment-Genuss im hohen Gang über Sport Plus für Drehzahl-Exzesse bis hin zu manuell; doch zwischen Fingerschnipp am Lenkradpaddel und Schaltvorgang vergeht zu viel Zeit – bei Erreichen der Drehzahl-Limits bleibt der V8 zunächst im Begrenzer stecken, obwohl der Fahrer ungeduldig an der Wippe zieht. Im unlängst vorgestellten Ferrari 458 Italia reagiert das Getrag-Getriebe zackiger und das Fahrwerk sensibler. Zwar spricht die Federung des AMG zunächst willig an, gibt lange Bodenwellen aber in Form leichter Katapult-Stöße weiter – Folge der Kompromiss-Abstimmung. Unverständlich: Ein adaptives Fahrwerk, welches schon bei der Mercedes E-Klasse in der Optionsliste steht, bietet AMG für den Supersportler nicht an, nur ein noch strafferes Performance-Kit.

Mercedes SLS AMG garantiert einen Hollywood-Auftritt

Dabei erläuterte der Ferrari 458 Italia bei der ersten Ausfahrt den Stand der Dämpfer-Technik; State-of-the-art-Sportwagen beherrschen den Spagat zwischen limousinenartigem Schluckvermögen und Rennstrecken-Härte. Mit 194.000 Euro ist der Italiener nur scheinbar teurer als der Mercedes SLS AMG: Addiert man Keramik-Bremsanlage (11.305 Euro, Serie bei Ferrari) und Sport-Fahrwerk (1.428 Euro) erhöht sich der Grundpreis des SLS von 177.310 Euro deutlich. Dafür garantiert der Flügeltürer einen Hollywood-Auftritt. Und er hält fit – per Dehnübungen beim Einstieg. Sie beginnen mit einer Rumpfbeuge zum Türgriff; er fährt nach Druck auf den Schlüssel auf Höhe des Schienbeins aus der Türhaut. Am Griff zieht man sie nach oben (Frontheben), dann folgt der Eineinhalb-Meter-Limbo unter dem geöffneten Flügel hindurch, wobei wir anders als am Abend zuvor versuchen, uns diesmal bitteschön nicht den Kopf anzuschlagen. Das Training endet mit dem Überstrecken des linken Armes, um die Tür zuzuziehen. Wie das wohl kleine Fahrer schaffen? Eine Schlaufe wäre hilfreich. Mehr als bei allen anderen Autos herrscht beim SLS deshalb die Gentleman-Pflicht, der Begleitung die Tür zu öffnen und zu schließen.

Davon abgesehen verlangt der Mercedes SLS AMG kaum Spezialkenntnisse – der SLS beschert Aufsteigern Erfolgserlebnisse, ohne den Könner zu langweilen. Obwohl die Keramik-Bremsanlage den Mercedes SLS AMG unerbittlich ankert, lässt sich das Pedal weich dosieren. Obwohl der V8 großflächig grollt, hat die fein auflösende Bang & Olufsen-Anlage (7.021 Euro) noch eine Chance gegen ihn. Obwohl die Bulldogge drahtig einlenkt, zerrt sie auf der Autobahn nicht an der Leine. Und obwohl er schwer ist wie ein C 350, wedelt der Aluminium-Titan mit 150 km/h enthemmt um die Pylonen – schneller als es der 230 Kilogramm weniger wiegende Porsche 911 GT3 im Test konnte (147,8 km/h). Der Mercedes SLS AMG stößt sogar in den Bereich eines nahezu 300 Kilogramm leichteren Ferrari 430 Scuderia (151,7 km/h) vor.

Irgendwie schafft der Mercedes SLS AMG die ideelle Verbindung zum Formel 1-Engagement von Mercedes. Er ist der erste würdige Nachfolger des Ur-Flügeltürers 300 SL. Und er beweist, dass die schwäbische Marke noch heute einen Supersportler bauen kann.

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Vor- und Nachteile
Karosserie
ausreichende Platzverhältnisse
sehr gute Verarbeitung
gut ablesbare Haupt-Instrumente
einfache Bedienung
ordentliche Übersichtlichkeit
erschwerter Einstieg
Fahrkomfort
akzeptabler Abrollkomfort
gut stützende Sportsitze
noch langstreckentaugliche Geräuschentwicklung
Stößigkeit auf langen Bodenwellen
Antrieb
sehr gut ansprechender V8
enormes Durchzugsvermögen
hohe Drehwilligkeit
sehr gute Fahrleistungen
auf Schaltpaddel verzögert ansprechendes Getriebe
Fahreigenschaften
sehr hoher Grenzbereich
berechenbares Fahrverhalten
in sich ruhende Lenkung
enorme Kurven-Neutralität
guter Geradeauslauf
dreistufiges ESP (Sportfunktion)
nicht deaktivierbarer Bremseneingriff an der Hinterachse
Sicherheit
bis zu acht Airbags
fadingfreie Bremsen (Keramik) mit erstaunlicher Verzögerung
Umwelt
hoher Verbrauch
Kosten
günstige Haftpflicht-Einstufung
hoher Kaufpreis
teuer im Unterhalt

Fazit

Zu diesem Erstlingswerk kann man AMG nur beglückwünschen. Der
V8 ist bärenstark und drehfreudig, die Agilität phänomenal, das Handling berechenbar. Was fehlt, sind adaptive Dämpfer für besseren Komfort.

Technische Daten
Mercedes SLS AMG
Grundpreis186.830 €
Außenmaße4638 x 1939 x 1262 mm
Kofferraumvolumen176 l
Hubraum / Motor6208 cm³ / 8-Zylinder
Leistung420 kW / 571 PS bei 6800 U/min
Höchstgeschwindigkeit317 km/h
0-100 km/h3,9 s
Verbrauch13,2 l/100 km
Testverbrauch16,8 l/100 km