Recharge Industries kauft Britishvolt
Übernahme soll Gigafactory-Projekt retten

Britishvolt ist mit großen Ambitionen gestartet, doch das Geld ging aus. Nun übernimmt die australische Firma Recharge Industries das Start-up und dessen Gigafactory-Projekt.

03/2022, Aston Martin Valkyrie mit Britishvolt Akku Batteriezellen
Foto: Aston Martin Lagonda

Vor etwa einem Jahr sah die Welt für Britishvolt – zumindest vordergründig – noch rosig aus. Mit Aston Martin (im Video der Valhalla, in der Fotoshow der Valkyrie) und Lotus hatte das 2019 gegründete Start-up im Frühjahr 2022 erste namhafte Kunden und Partner aus der Autoindustrie präsentiert. Doch ein Jahr später sind dunkle Wolken über der Londoner Firmenzentrale aufgezogen: Britishvolt war zahlungsunfähig und musste folgerichtig Insolvenz anmelden. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge hatte das Unternehmen die Mehrheit seiner fast 300 Angestellten direkt entlassen.

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Bereits im vergangenen Sommer geriet Britishvolt in Geldnöte, Anfang November 2022 ging die Firma um Gründer und CEO Orral Nadjari mit seiner Investorensuche an die Öffentlichkeit. Als Grund nannten die Briten "herausfordernde externen Faktoren" und "die sich abschwächende Wirtschaftslage". Gleichzeitig verkündete Britishvolt, dass die damaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kurzfristigen Gehaltskürzungen zugestimmt haben.

Übernahme durch Recharge

Zwar gab es kleine Finanzspritzen der bisherigen Investoren, "die es uns unserer Meinung nach ermöglichen, in den kommenden Wochen eine sicherere Finanzierungsposition für die Zukunft zu erreichen", hieß es in der Pressemitteilung im November. Doch die Suche nach langfristigen Investoren blieb erfolglos. Zwar hatten sich Interessenten gemeldet; diese wollten jedoch zum Spartarif einsteigen, was die Unternehmensbewertung in die Tiefe gezogen hätte. Somit entschlossen sich die bereits existierenden Investoren, die inzwischen zu Gläubigern geworden sind, gegen deren Einstieg und für eine Insolvenz.

Doch Anfang Februar 2023 gab es wieder eine Perspektive für das Start-up. Das ebenfalls noch junge Unternehmen Recharge Industries hatte ein Übernahme-Paket geschnürt und sich Medienberichten zufolge im Bieterwettstreit um Britishvolt gegen drei Konkurrenten durchgesetzt. Die Australier haben zwar ebenfalls noch kein Großprojekt in Eigenregie umgesetzt, mit der New Yorker Investment-Firma Scale Facilitation aber einen offenbar finanzkräftigen Besitzer im Rücken.

Ende Februar meldet der Insolvenzverwalter Vollzug. Recharge Industries habe die Mehrheit des Geschäfts und der Vermögenswerte von Britishvolt zu einem ungenannten Preis übernommen.

Damit gibt es wieder eine Perspektive für die von Britishvolt geplante Gigafactory in der Hafenstadt Blyth, gelegen im Nordosten Englands. Dass die Firma überhaupt in finanzielle Schwierigkeiten geriet, hing vor allem mit den Verzögerungen bei deren Bau zusammen. Britishvolt wollte 2,6 Milliarden Pfund (aktuell umgerechnet rund 2,9 Milliarden Euro) investieren, um in dem Werk, dessen Fläche etwa 50 Fußballfeldern entspricht, bis zu 3.000 Menschen zu beschäftigen. In der umliegenden Lieferkette sollten 5.000 weitere Jobs entstehen.

Bau der Gigafactory weiterhin geplant

Doch dann gab es immer wieder Meldungen, die Fabrik würde später als geplant ans Netz gehen. Erst war von 2024 die Rede, dann von Mitte 2025. Bisher scheint jedoch nicht einmal der Grundstein gelegt worden zu sein. Nun soll das Gigafactory-Projekt unter der Regie von Recharge Industries, das eine weitere Batteriefabrik in seiner Heimat, dem australischen Bundesstaat Victoria plant, erneut aufleben. In britischen Medien wurde eine Investitionssumme von 3,8 Milliarden Pfund (4,25 Milliarden Euro) kolportiert. Bei voller Auslastung sollen darin E-Auto-Akkus mit einer Jahres-Gesamt-Kapazität von 30 Gigawattstunden produziert werden.

Details zu den Plänen für den Britishvolt-Standort im Nordosten Englands hat Recharge nicht mitgeteilt. Vielleicht müssen sich Lotus und Aston Martin doch nicht nach einem anderen Batterie-Zulieferer umsehen. Alles andere würde einen großen Rückschlag für die E-Auto-Ambitionen beider Hersteller bedeuten. Beispiel Aston Martin: Für 2025 ist der erste rein elektrisch angetriebene Sportwagen der Marke geplant. Ein Jahr später soll es von jeder bis dahin neu eingeführten Baureihe einen elektrifizierten Ableger geben, bevor 2030 "das Kernportfolio vollständig elektrifiziert" sein wird.

"Maßgeschneiderte Technologie"

Aston Martin und Britishvolt wollten gemeinsam eine "maßgeschneiderte Hochleistungs-Batteriezellen-Technologie" in zylindrischer Form entwickeln. Die Akkus sollten in den elektrifizierten Aston-Martin-Modellen zum Einsatz kommen und "Maßstäbe bei der reproduzierbaren Leistung auf der Rennstrecke, der Ladezeit und der Reichweite" setzen. Ein gemeinsames Forschungs- und Entwicklungs-Team war zudem für das dafür passende Batterie-Management-System verantwortlich.

Ob die Zusammenarbeit mit Recharge Industries fortgeführt wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht bekannt. Da im Management des australischen Start-ups einige ehemalige hochrangige Militärs zu finden sind, heißt es, das Unternehmen strecke seine Fühler eher in Richtung Rüstungsindustrie aus. Zudem wird spekuliert, dass Recharge vor allem am geistigen Eigentum interessiert sei, dass mit der Übernahme von Britishvolt den Besitzer wechselt.

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Fazit

Was britische Traumehen werden sollten, lag mit der Insolvenz des Batterie-Herstellers Britishvolt vorerst auf Eis. Zwar hat das Start-up nun einen Käufer gefunden der genug Geld für den Bau der Gigafactory zur Verfügung stellen kann, doch es muss sich erst noch zeigen, ob Recharge ein wirkliches Interesse daran hat, mit der Autoindustrie zusammenzuarbeiten. Und ob die vergleichsweise kleinen Hersteller Lotus und Aston Martin dann noch immer bevorzugte Partner sind.