Chinesische Marken bei Tests unterdurchschnittlich
China-Autos – schlechter als ihr Ruf ​

Zahlreiche der aufwändigen Vergleichstests von auto motor und sport zeigen, dass Modelle chinesischer Hersteller noch nicht das Niveau ihrer Konkurrenz der etablierten Autokonzerne erreichen. Ein hoher Wertverlust könnte die günstigen Preise kompensieren.

China Auto Test
Foto: Achim Hartmann / Igor Ilnitckii via Getty Images

Entgegen anderslautenden Medienberichten attestiert auto motor und sport auf Basis umfangreicher und aufwendiger Einzel- und Vergleichstest Fahrzeugen aus China bestenfalls durchschnittliche Eigenschaften. Modelle der Marke Nio, BYD, Great Wall Motors und MG weisen weder besonders effiziente Antriebe, außerordentliche Lade-Performance, harmonische Fahreigenschaften noch brillante digitale Features und eingängige Bedienung auf.

Testergebnisse Fahrzeuge chinesischer Hersteller

Modell

Gesamt-
wertung
max. 1.000 Pkt

Eigenschafts- wertung
max. 700 Pkt.

Umwelt- wertung
max. 150 Pkt.

Kosten

max. 150 Pkt.

BYD Dolphin

497

304

99

94

GWM Ora 03

502

312

99

91

Nio EL7

534

413

68

53

Nio ER7 100 kWh

537

411

64

62

Nio ES8 Signature Edition

569

436

65

68

Nio ET5 100 kWh

519

385

74

60

Nio ET7 100 kWh

549

425

62

62

Ora Funky Cat 400 Pro +

535

330

108

97

Polestar 2  Perf. 

576

417

90

69

Polestar 2 L. R. S. M.

591

412

97

82

Volvo EX30 Twin Motor Perform.

551

391

82

78

Smart #1 Premium

569

376

101

92

Aiways U6

523

324

105

94

MG4 Luxury

552

348

105

99

MG ZS EV 70 kWh Luxury

508

316

88

104

Handelt es sich also um schlechte Produkte? Nein, denn keines der Fahrzeuge fiel bislang durch. Zwar ging beim ersten Test der Polestar 2 während einer Verbrauchsfahrt der Antrieb einfach aus und jüngst verweigerte ein Smart #1 Brabus die Beschleunigungsmessung. Im weiteren Verlauf funktionierten Polestar-Modelle allerdings problemlos und Smart berichtet nach eingängiger Prüfung des Testwagens von einem Fehler am Fahrpedal, will ihn zum Nachtest schicken.

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Bei klassischen Tugenden haben die Etablierten Vorteile

Insgesamt zeigt sich allerdings, dass die Modelle chinesischer Hersteller offenbar weniger sorgfältig abgestimmt werden als die der etablierten Konkurrenz. So fehlt es beispielsweise dem Nio ET7 an einem ordentlichen Federungskomfort, obwohl er das in diesem Segment bieten sollte. Nio selbst erklärte gar den Porsche Taycan als klaren Gegner des ET7. Im Vergleichstest stellte sich jedoch heraus, dass die Fahrdynamik nicht ansatzweise das Niveau des Porsche erreichte.

Sowohl die Effizienz des Antriebs als auch der gesamte Fahrkomfort blieben hinter den Erwartungen zurück, die Bedienung erwies sich als komplex, die Assistenzsysteme als recht übergriffig (also ebenfalls nicht akribisch appliziert). Die im Einkauf extrem teure und umfangreiche Sensorik des Nio (Insider sprechen von Kosten in Höhe von etwa 15.000 Euro) nützt ihm also ebenso wenig wie die bei Continental eingekaufte Luftfederung, denn beides ist unzureichend abgestimmt. In Summe ergab der 1.000-Punkte-Test eine bemerkenswert hohe Differenz von 81 Punkten.

Im Test schwächeln auch chinesische Kompaktwagen

Also schlägt die Stunde der Chinesen in den günstigen Segmenten, beispielsweise bei den Kompakten? Nein, denn auch hier stellen sich schnell einige Schwäche heraus. Ein Vergleichstest zwischen BYD Dolphin, Great Wall Motors Ora 03, Curpa Born und Opel Astra Electric zeigt, dass hier ebenfalls die Fahrzeuge aus China den Eindruck hinterlassen, nicht konsequent zu Ende entwickelt worden zu sein.

Ganz gleich ob Ergonomie, Sitze, Abstimmung von Lenkung und Fahrwerk, aber auch die Effizienz des Antriebs und der Ladeleistung: Opel und Cupra zeigen, wie es richtig geht. Hinzu kommt, dass der BYD mit einem Bremsweg von 38,4 Metern aus 100 km/h bemerkenswert schlecht verzögert. Der Ora benötigt 38,0 Meter. Die etablierte Konkurrenz? 33,1 Meter der Cupra, 35,9 Meter der Opel. Da wirken die Übersetzungsfehler im Infotainmentsystem sowie die mangelnde Heizleistung und die Geräusche aus der Lüftung beim BYD eher wie eine Randnotiz. Das Ergebnis: Ein Punkterückstand von 97 Zählern auf den Sieger (Cupra Born) und 82 auf den Zweitplatzierten (Opel Astra Electric).

Chinesische Schwächen: Assistenzsysteme, Infotainment, Laderoutenplanung

In diesem Zusammenhang relativiert sich überdies das Preisniveau der neuen Player. Gemessen an dem, was sie können, sind sie schlicht zu teuer. Das gilt selbst für den MG4, der sich im Vergleichstest gegenüber dem Kia Niro EV beweisen musste – und noch am besten von allen chinesischen Modellen abschnitt. Am Ende siegt der Kia mit kleinerem, aber deutlichem Vorsprung von 36 Punkten. Immerhin überzeugt beim MG4 die Kombination aus vergleichsweise niedrigem Verbrauch und kurzer Ladezeit.

Vor allem zeigt keines der aktuell getesteten chinesischen Fahrzeuge eine herausragende Leistung in Eigenschaften, die stark softwarebasiert sind. Dazu zählen beispielsweise das Infotainment-System oder die Fahrer-Assistenzsysteme. Stattdessen gibt es oft Ausfälle einzelner Systeme oder es fehlt schlicht Grundlegendes, wie die für E-Fahrzeuge unerlässliche Laderoutenplanung. Das sieht übrigens auch der ADAC so, der in einer aktuellen Auswertung zu dem Schluss kommt: "Bei den Assistenzsystemen. Verkehrszeichenerkennung, Spurhalte- und Abstandssysteme ein wiederkehrendes Manko" sah. Die Systeme "funktionierten oftmals nur unzuverlässig".

"Auch bei der Bedienung läuft nicht immer alles reibungslos, was vor allem an der starken Fokussierung auf Touchscreens liegt. Komplexe Menüstrukturen in Kombination mit teils träge reagierenden Displays, Softwarefehlern und falschen Übersetzungen sorgen immer wieder für Probleme bei der Steuerung von Klimaanlage, Navigation oder Entertainment", so der Automobilclub weiter. Hier hätte auto motor und sport einen deutlichen Vorsprung für die als Software-affin bekannten chinesischen Produkte erwartet.

Billig ist nicht günstig

Nach den umfangreichen, objektiven Vergleichstests jedoch ergibt sich nun ein anderes, wenngleich sehr klares Bild: Es gibt noch viel zu tun für die neuen Wettbewerber aus China. Die nominell oft günstigeren Preise können die aktuell zu beobachtenden Schwächen aus auto-motor-und-sport-Sicht nicht ausgleichen, zumal sie sich womöglich ungünstig auf das Restwertverhalten der Fernost-Fahrzeuge auswirken dürfte. Da der Wertverlust unterm Strich der größte Kostenfaktor für Autokäufer ist, relativeren sich die vergleichsweise günstigen Kaufpreise.

Hinzu kommt bei chinesischen Autobauern ein teils dünnes Händlernetz. Der Betrieb in der Nähe ist für viele Käufer immer noch erster Ansprechpartner, wenn es um Garantie, Wartung oder gar Defekte und Fahrzeugwechsel geht. Wer hier lange nach Kontakten suchen muss oder Zeit in Warteschleifen verbringt, zahlt am Ende auch drauf.

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Die Fotoshow zeigt den Vergleichstest zwischen BYD Dolphin, Cupra Born, GWM Ora 03 und Opel Astra electric.

Fazit

In zahlreichen Vergleichstests von auto motor und sport schneiden Fahrzeuge aus China längst nicht so gut ab, wie es ihr Ruf nahelegt. Im direkten Wettbewerb mit Produkten etablierter Hersteller zeigt sich, dass es vor allem an Abstimmungsarbeit bei Hard- und Software fehlt. Die ist zeitaufwändig, erfordert Expertise von Fachkräften – was beides hohe Kosten verursacht. Das erklärt die Preisdifferenz für den Kunden.

Doch wer hier genau hinsieht, wird feststellen, dass die oftmals gar nicht so groß ausfällt. Das gilt besonders im Klein- und Kompaktwagen-Segment. Im Premiumbereich fällt der Kostenvorteil zugunsten der Chinesen zwar größer aus, aber auch der Unterschied in den Produkteigenschaften: Hier zeigen die Etablierten, was sie drauf hab