Euro NCAP Verschärfung 2026
Tasten-Pflicht laut ADAC noch nicht final

EuroNCAP will Autos noch sicherer machen und passt dazu ab 2026 seine Bewertungskriterien an. Für die volle Punktzahl werden wichtige Funktionen bald wohl nur noch über physische Schalter und Knöpfe bedient. Das sagt der ADAC dazu.

Opel Ampera, Blinkerhebel
Foto: Hans-Dieter Seufert

Das EuroNCAP-Konsortium (European New Car Assessment Programme), zu dem auch der ADAC gehört, setzt sich für immer sicherer werdende Fahrzeuge ein. Jetzt hat der Zusammenschluss verschiedener europäischer Verkehrsministerien, Automobilclubs und Versicherungsverbände mit Sitz in Brüssel seine neue Agenda ausgerollt. Damit könnte die Touchbedienung von bestimmten Funktionen demnächst Strafpunkte kosten.

Neue Technologien stärker berücksichtigen

Um die immer stärker aufkommenden Assistenzsysteme und autonome Fahrtechnologien adäquat abbilden zu können, werden die vier Schlüsselbereiche der Euro NCAP-Bewertung – die seit 2009 in Kraft ist – an die vier unterschiedliche Phasen eines potenziellen Unfallereignisses angepasst: Sicheres Fahren, Unfallvermeidung, Aufprallschutz und Post-Crash-Sicherheit. Diese Änderung tritt ab 2026 in Kraft. Zudem geht EuroNCAP dazu über, die Kriterien im Rhythmus von drei Jahren immer wieder anzupassen. Neu eingeführt werden schrittweise auch virtuelle Tests, die den Schutz ungeschützter Verkehrsteilnehmer verbessern und Bewertungsanreize für eine Reihe von Fahrerüberwachungssystemen mitbringen.

Unsere Highlights

Zu den wichtigsten Ergänzungen des Euro NCAP-Programms mit Blick auf 2030 gehören auch:

  • Prüfung und Bewertung von assistierten und automatisierten Fahrerassistenzsystemen
  • Bewertung der Technologie, die die Beeinträchtigung des Fahrers und die kognitive Ablenkung überwacht
  • Anforderungen zur weiteren Verbesserung der realen Wirksamkeit der Geschwindigkeitsassistenztechnologie
  • Aktive Sicherheitstests, die reale Straßenumgebungen genauer simulieren und das Design der Mensch-Maschine-Schnittstelle (HMI) untersuchen, um robustere und effizientere Fahrerassistenzsysteme zu gewährleisten
  • Testen und Bewerten von Sicherheitsfunktionen, die durch V2V-, V2I- und V2X-Kommunikation ermöglicht werden
  • Passive Sicherheitstests, die der Gleichstellung der Geschlechter und der alternden Bevölkerung von Fahrern/Insassen mehr Aufmerksamkeit schenken
  • Bewertung des Brandrisikos und des thermischen Durchgehens in Elektrofahrzeugen und verbesserte Informationen für Erst- und Zweithelfer
  • Förderung bewährter Verfahren in den Bereichen Fahrzeugsicherheit und Datenzugriff

In der Fotogalerie stellen wir ihnen die aktuellsten Crashtest-Ergebnisse von 2023 vor.

Ablenkung und Überfrachtung des Fahrers

Moderne Fahrzeuge werden vor allem von Bildschirmen, Touch-Screens und Touch-Flächen dominiert. Wichtige Bedienelemente sind bei einigen Modellen bereits auf den zentralen Touchscreen verlagert worden, um so auf Schalter und Knöpfe verzichten zu können. Das zwingt die Fahrer vermehrt, den Blick von der Straße abzuwenden und auf den Bildschirm zu richten. "Das Risiko von Ablenkungsunfällen hat sich bereits deutlich erhöht", erklärt der Direktor für Strategie und Entwicklung bei Euro NCAP, Matthew Avery.

Dabei haben die Sicherheits-Spezialisten gerade die Entwicklungen bei Tesla und im VW-Konzern kritisch im Blick. Zumindest für die fünf wichtigsten Funktionen könnten deswegen ab 2026 echte Schalter, Hebel oder Knöpfe vorgeschrieben werden, damit Autos die Fünf-Sterne-Sicherheitsbewertung von EuroNCAP erhalten. Für die Funktionen Blinker, Warnblinkanlage, Scheibenwischer, Hupe und SOS-Notruf dürften ab 2026 dann nur geeignete Schalter im Auto bleiben, wenn das volle 5-Sterne-Ergebnis erreicht werden soll. Zudem werden Fahrzeughersteller ermutigt, auch andere Grundfunktionen wie Sitz- und Spiegelverstellung oder die Belüftung wieder über separate, physische Bedienelemente abzubilden.

ADAC betont Entwurfsfassung

Ein ADAC-Sprecher erklärte gegenüber auto-motor-und-sport.de, dass diese Regeln noch fertig entwickelt werden müssen: "Im aktuell vorliegenden Entwurf sollen dazu Funktionen nach Anforderungen untergliedert werden, zum Beispiel nach der notwendigen Reaktionszeit, Benutzungshäufigkeit oder auch nach der Komplexität der Situation, in der diese Funktionen benötigt werden; sicherheitsrelevante Bedienelemente stehen hier vor denen der Komfortbedienung. EuroNCAP will damit künftig die Mensch-Maschine-Schnittstelle verbessern. Der ADAC verweist darauf, dass dieses Papier aktuell nur in der Entwurfsfassung vorliegt und dies nicht zwingend dem künftigen EuroNCAP-Protokoll entspricht, das es noch fertig zu entwickeln gilt."

Wie selbst der ADAC-Autotest aus Landsberg am Lech bestätigt, ist bei der aktuellen Generation von Fahrzeugen die Mensch-Maschine-Schnittstelle oft nicht mehr optimiert. In zunehmendem Maße drängt sich für die Autotester der Verdacht auf, dass einerseits das Design und andererseits die Produktionskosten im Vordergrund stehen und letztlich die Bedienbarkeit darunter leidet. Am Ende geht diese Entwicklung zu Lasten der Sicherheit. Unabhängig vom EuroNCAP-Entwurf fordert der ADAC, dass verschiedene sicherheitsrelevante Funktionen nicht in einem Untermenü auf dem Touchscreen versteckt, sondern möglichst direkt über haptische Tasten oder Hebel abgebildet werden. Dies gilt unter anderem für die Bedienung von Scheibenwischern und Innenraumgebläse (wegen beschlagenen Scheiben). Alternativ wäre auch eine feste Abbildung auf dem Touchscreen möglich, wenn auch dies oft nur die zweitbeste Möglichkeit darstellt, da ein haptisches Feedback eine intuitive Bedienung ohne große Ablenkung vereinfacht. Zur Betätigung der Warnblinkanlage ist übrigens, im Rahmen der EU-Typgenehmigung, eine "separate handbetätigte Einrichtung" vorgeschrieben.

Durch den Blick auf den Touchscreen ist der Fahrer gezwungen, die Aufmerksamkeit vom Straßengeschehen abzuwenden. Wie lange hängt sehr vom Einzelfall, der Situation und vor allem auch von der Ausgestaltung der Bedienoberfläche ab. Der ADAC geht davon aus, dass die Bedienung eines Touchscreens im Schnitt etwa zwei Sekunden länger dauert als bei einer Tastenbedienung – zwei Sekunden in denen ein Auto bei Tempo 100 km/h mehr als 50 m zurücklegt. Ist der Fahrer durch die Bedienung des Touchscreens zu lange abgelenkt, kann dies auch eine Ordnungswidrigkeit darstellen. Denn der frühere "Handyparagraph" (§ 23 Abs. 1a StVO) wurde vor einigen Jahren erweitert und verbietet in der aktuellen Fassung auch die Verwendung anderer elektronischer Geräte, zu denen auch Touchscreens gehören.

Nicht nur Pkw im Fokus

Stärker in den EuroNCAP-Fokus rücken auch Testszenarien, die die Sicherheit von Motorrädern und Rollern sowie die von schweren Nutzfahrzeugen bewerten, da diese Fahrzeugklassen überproportional an Unfällen mit Toten und Schwerverletzen beteiligt sind.

"Die Errungenschaften von EuroNCAP in seiner 25-jährigen Geschichte sind ein Beweis für den anhaltenden Erfolg und die Relevanz des Programms. Trotz großer Sicherheitsentwicklungen bei Autos ist unsere Arbeit noch nicht getan. EuroNCAP ist fest davon überzeugt, dass es das Potenzial hat, die Fahrzeugsicherheit in den nächsten zehn Jahren weiter zu verbessern, um die Vision Zero zu unterstützen, die darauf abzielt, Todesfälle und Schwerverletzte bei Verkehrsunfällen zu eliminieren", sagt Dr. Niels Ebbe Jacobsen, Präsident von EuroNCAP.

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Fazit

EuroNCAP will seine Bemühungen, Fahrzeuge noch sicherer zu machen, weiter verschärfen. Ab 2026 sollen neue Kriterien gelten, die alle drei Jahre nachjustiert werden. Als Erstes werden Autohersteller wohl haptische Knöpfe und Schalter für die wichtigsten Grundfunktionen zurückbringen. Denn wer ab 2026 seine Blinker, Warnblinkanlage, Scheibenwischer, Hupe oder SOS-Funktionen über ein Touchscreen aktivieren muss, könnte nicht mehr die volle 5-Sterne-Bewertung von EuroNCAP erhalten. Vorausgesetzt, die NCAP-Pläne werden festgezurrt.