E.Volution will Streetscooter weiterbauen
Rückholaktion von Prof. Schuh droht zu scheitern

Der Gründer hatte die Rechte an dem E-Lieferwagen einst der Post verkauft. Nach Besitzerwechsel und Insolvenz sollte es das große Schuh-Comeback bei Streetscooter geben. Doch nun stellt sich die NRW-Regierung quer.

Prof. Dr. Günther Schuh E.Volution Streetscooter
Foto: E.Volution GmbH

Für Streetscooter, den vorrangig von der Deutschen Post und dem Paket-Lieferanten DHL eingesetzten Elektro-Lieferwagen, standen die Zeichen in den vergangenen Wochen eigentlich auf Neuanfang unter alter Regie. Wie das Unternehmen kurz nach Jahresbeginn 2024 offiziell bekannt gab, wollte Prof. Dr. Günther Schuh mit seiner neuen Firma E.Volution erneut das Projekt übernehmen. Der Hochschul-Professor mit Lehrstuhl an der RWTH Aachen hatte die Streetscooter GmbH 2010 gegründet, den aufs Wesentliche beschränkten E-Transporter zur Serienreife entwickelt und das Projekt dann vier Jahre später an die Deutsche Post beziehungsweise DHL verkauft.

Der große E-Ratgeber

Doch nun droht die Rückholaktion auf der Zielgeraden zu scheitern. Wie der WDR berichtet, verwehrt das Land Nordrhein-Westfalen eine nötige Bürgschaft. Demnach gehe es um acht Millionen Euro, mit denen von E.Volution aufgenommene Kredite abgesichert werden sollten. Wie aus einer vertraulichen Stellungnahme an den Landtag hervorgehe, halte NRW-Finanzminister Marcus Optdendrenk (CDU) Schuhs Streetscooter-Rückholaktion für eine "volkswirtschaftliche Fragwürdigkeit". Die Bürgschaft wurde daraufhin vom zuständigen Landesbürgschaftsausschuss abgelehnt.

Neuer DHL-Auftrag ist nicht genug

DHL sollte der erste Kunde für den wieder aufgelegten Streetscooter sein. Der Logistikkonzern hatte E.Volution zufolge vor, mindestens 700 Exemplare des elektrisch angetriebenen Lieferwagens abzunehmen. Damit wollten die Bonner kurzfristig ihren Streetscooter-Fuhrpark erweitern, der aktuell aus insgesamt gut 20.000 Exemplaren besteht. Laut der politischen Einschätzung sei von dem Auftrag jedoch eine geringe Rendite zu erwarten. Zudem fehle eine "positive Fortführungsprognose über die Abarbeitung des DHL-Auftrages hinaus".

E.Volution wollte die neuen Streetscooter-Exemplare nicht selbst bauen. Das Unternehmen strebte stattdessen eine strategische Partnerschaft mit Neapco an; die Firma montiert die elektrischen Zustellerfahrzeuge als Auftragsfertiger in Düren. Neapco hat dazu die Betriebsmittel für die dortige Fahrzeugproduktion von der DHL Group erworben. Für den Streetscooter-Neustart sollten unter E.Volution-Regie etwa 120 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt werden. Selbst das reichte der Politik als Argument offensichtlich nicht aus.

Übernahmen, Umbenennungen, Insolvenz

Die Absage aus der Politik ist der nächste Rückschlag in einer an Negativerlebnissen wahrlich nicht armen Firmengeschichte. Deutsche Post DHL wurde mit ihrer Autosparte nie so richtig glücklich und begab sich früh auf die Suche nach einem Käufer. Diese zog sich über mehrere Jahre, bis letztlich Anfang Januar 2022 Vollzug gemeldet wurde: Die Rechte und das Know-how zur Produktion der Streetscooter-Elektrotransporter übernahm das internationale Firmenkonsortium Odin Automotive S.à.r.l. aus Luxemburg. Aus der Streetscooter Engineering GmbH ging daraufhin die B-On GmbH hervor, die jedoch im Spätsommer 2023 Insolvenz anmelden musste. Später kümmerte sich eine Firma namens Nob Manufacturing GmbH, deren Betrieb und das Anlagevermögen zum 01. Januar 2024 von der E.Volution GmbH übernommen wurde, um das Streetscooter-Projekt.

2022 hatte B-On 2.447 vollelektrische Nutzfahrzeuge an Kunden ausgeliefert und damit einen Umsatz von 125 Millionen Dollar (aktuell umgerechnet gut 117 Millionen Euro) erwirtschaftet. Nach B-On-Angaben hatten in der Folge Lieferengpässe bei Bauteilen zu einem Produktionsrückgang und Zahlungsschwierigkeiten geführt. Die Produktion des Streetscooters am Standort Düren wurde trotz eines kolportieren Auftragsvolumens von mehreren zehntausend Fahrzeugen mit sofortiger Wirkung eingestellt. Von der Insolvenz betroffen waren laut Pressemitteilung seinerzeit 78 Mitarbeiter von B-On in Aachen sowie 170 Beschäftigte von Neapco im Werk Düren. Wie die "Welt" auf ihrer Website berichtet, seien zuletzt 68 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu E.Volution gewechselt.

Neuer Streetscooter sollte 2026 kommen

In seiner bekannten Form sollte der Streetscooter allerdings nicht mehr lange weiterleben. Günther Schuh wollte den E-Transporter ab 2026 auf eine neue Plattform stellen, auf deren Basis E.Volution seinen "Upgrade Re-Assembly Prozess" umsetzen wollte. Die Idee: Ein besonders langlebiges Chassis und eine digitale Fahrzeugakte sollen eine regelmäßige kostengünstige Aufwertung bestehender Fahrzeuge ermöglichen. Dieses Konzept sei bei kleinen, stark strapazierten Nutzfahrzeugen besonders wirkungsvoll. "Die Beanspruchung der Streetscooter im täglichen Betrieb ist höher als bei jedem anderen leichten Nutzfahrzeug", sagte Schuh im Januar 2024. "Hier kann unser Konzept seine Wirkung vorbildlich entfalten, den ökologischen Footprint über den Lebenszyklus wesentlich verbessern und gleichzeitig die Betriebskosten senken." Das Basisfahrzeug sei damit bis zu 50 Jahre lang betriebsfähig, ergänzte Schuh laut "welt.de".

Derweil scheint die B-On GmbH aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten zum Trotz ihre eigenen Pläne eines Streetscooter-Erben weiterzuverfolgen. Im Herbst 2023 – also nach der Insolvenz – hatte die Firma auf der Japan Mobility Show in Tokio mit dem Pelkan die Konzeptstudie eines Nachfolgemodells des E-Transporters präsentiert. In seiner Serienversion Pelkan eLCV präsentiert der Hersteller den Elektro-Lieferwagen im Januar 2024 auf der CES in Las Vegas, wobei sich die Firma offensichtlich mit der Foxconn-Tochter "Mobility In Harmony" (MIH) verpartnert hat.

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Fazit

Das Projekt Streetscooter hatte sich bisher unter keinem seiner Eigentümer zum Erfolgsmodell entwickelt. Zuletzt musste Streetscooter-Käufer B-On Insolvenz anmelden. Daraufhin wollte der einstige Gründer Prof. Dr. Günther Schuh als Retter einspringen und sein früheres Herzensprojekt erneut übernehmen. Die Pläne waren ambitioniert, haben jedoch die Landespolitiker in NRW nicht überzeugt. Sie verwehren dem Projekt eine Millionen-Bürgschaft, womit das Streetscooter-Comeback des Prof. Schuh gestorben sein dürfte.