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Lancia-Chef Luca Napolitano im Interview zur Lancia-Zukunft

Interview Lancia-Chef Luca Napolitano
„Wir sind das Gegenteil des Mainstream“

Lancia-Chef Luca Napolitano möchte die Marke wieder europaweit erfolgreich machen. Wie er diese Mammutaufgabe angeht und wie er Lancia sowohl von konzerninterner Konkurrenz als auch von deutschen Premium-Anbietern unterscheidet, verrät er uns im Interview.

Interview Lancia-Chef Luca Napolitano
Foto: Lancia
War es bei Stellantis von Anfang an klar, dass Lancia als Marke wiederbelebt wird?

Ja, vom ersten Moment an. Im Januar 2021 habe ich das erste Mal Carlos Tavares (Chef von Stellantis, Anm.d.R.) getroffen. Er hat mir gesagt, dass ich für ihn einen Plan aufstellen soll, um Lancia zu einer geachteten Premiummarke in Europa zu machen. Das ist eine große Herausforderung – Sie müssen berücksichtigen, dass wir von einem einzigen Auto (Lancia Ypsilon, Anm.d.R.) kommen, das wir nur in Italien verkaufen. Nun wollen wir drei Premiummodelle in Europa anbieten. Das ist auch eine Frage des Timings. Wir haben ein gutes Team und wissen, was wir können. Außerdem kennen wir unsere Wettbewerber und unsere Ziele – wir arbeiten uns Schritt für Schritt voran.

Unsere Highlights
Wo haben Sie gearbeitet, bevor Sie bei Lancia angefangen haben?

Seit dem Jahr 2000 arbeite ich in dieser Firma – zuerst für Fiat. Ich bin ein sehr treuer Mitarbeiter.

Was ging Ihnen durch den Kopf als Sie Carlos Tavares gebeten hat, Lancia-Chef zu werden?

Als jemand, der seit 23 Jahren in dieser Firma arbeitet, habe ich mich sehr geehrt und sehr glücklich gefühlt. Lancia steht für wunderschöne italienische Autos, die voller Innovationen stecken. Das Aussehen ist im Premium-Segment der Kaufgrund Nummer eins und Innovationen sind für die technische Reputation sehr wichtig.

Interview Lancia-Chef Luca Napolitano
Lancia
"Wir sind das Gegenteil des Mainstream." freut sich Lancia-Chef Luca Napolitano.
Haben Sie ein Lancia-Lieblingsmodell?

Ich habe zwei. Eins ist der Aurelia B24 Spider. Dieses Modell ist in Italien wegen der Filmkomödie "Il sorpasso" (deutscher Titel "Verliebt in scharfe Kurven", Anm.d.R.) sehr populär – das Auto spielt dort eine zentrale Rolle und der in Italien bis heute sehr beliebte Schauspieler Vittorio Gassman fährt es. Klares, pures italienisches Design zeichnet dieses Modell aus. Und das zweite Modell ist der Stratos. Der ist radikal, maskulin und geometrisch. Eleganz und Motorsport – das beides steht für Lancia. Lancia ist nach wie vor die Marke mit der höchsten Zahl an Rallye-Siegen, obwohl die Marke schon seit Jahren nicht mehr an Rallyes teilnimmt.

Aber in den vergangenen Jahren hat Lancia nur wegen des Ypsilon überlebt. Wie wichtig wird der neue Ypsilon für die Marke sein?

Wir haben uns dazu entschieden, die Wiederbelebung der Marke mit dem Ypsilon zu beginnen – genau aus diesem Grund. Allerdings ist der neue Ypsilon kein "neuer Ypsilon", sondern ein komplett anderes Auto. Es ist größer, vier Meter lang – damit bleibt der neue Ypsilon ein Stadtauto. Aktuell haben wir dem Modell 65 Prozent weibliche Kunden. Der neue wird deutlich maskuliner. Das Design wird modern und noch europäischer sein – die Studie Pu+Ra HPE zeigt schon viele Designelemente, die auch der neue Ypsilon haben wird.

Der Concept Pu+Ra HPE ist ein extrem modern designtes Auto. Wie viel von dem Design werden wir in den späteren Serienautos sehen?

Sehr viel. Das Front- und Heckleuchten-Design werden wir beispielsweise so in der Serie sehen. Die runden Heckleuchten sind ja vom Stratos inspiriert. Das im Pu+Ra HPE vorgestellte SALA-System (Software zum Steuern von Sound, Air, Light und Augmented Reality, Anm.d.R.) kommt in leicht abgespeckter Form schon im neuen Ypsilon. Damit können Sie im Innenraum mit einem Tastendruck eine beruhigende oder anregende Atmosphäre schaffen.

Sie positionieren Lancia im Premium-Segment – wer sind die Hauptkonkurrenten für Ihre Marke?

Das ist eine schwierige Frage. Ich nenne Ihnen jetzt die Benchmark-Marke, die ich nicht als Konkurrenten bezeichne: Wir wollen so geachtet sein wie Mercedes. Das heißt nicht, dass wir Mercedes auf dem Markt schlagen wollen – das wäre vollkommen naiv. Aber ich schaue mir die Qualität der Mercedes-Modelle an und die Qualität von deren Kundenservice – das ist für uns Benchmark. Im Bereich Technik haben wir Audi im Visier. Natürlich sind wir mit dem aktuellen Ypsilon davon noch weit weg, aber wir arbeiten sehr nachhaltig daran. Bei Lancia geht es uns nicht um einen schnellen Achtungs-Erfolg, sondern um ein solides Wachstum. Und wir müssen nicht alles mitmachen – wir sind das Gegenteil des Mainstream. Wir müssen für uns Prioritäten setzen, feststellen, welche Segmente wir abdecken möchten, schauen, welche Kunden wir haben möchten und sehen, auf welchen Märkten wir präsent sein wollen. Wir starten auf sechs Märkten – das ist zum Anfang mehr als genug. Wir kommen vom italienischen Markt. Wenn wir es schaffen, Lancia erst mal in sechs Märkten wiederzubeleben, dann ist das sehr gut – dann schaffen wir auch weitere Märkte. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist auch, dass wir eine gute Qualität liefern.

Interview Lancia-Chef Luca Napolitano
Lancia
Viele Design-Elemente des Lancia Concept Pu+Ra HPE kommen auch in den Serienmodellen. Die Leuchtsignatur an der Front der Studie zitiert die klassischen Lancia-Grills.
Sie meinen damit die Fertigungsqualität der Fahrzeuge?

Natürlich – ich habe inzwischen mehrfach unser Werk im spanischen Saragossa besucht. Das Werk liefert bereits eine sehr gute Qualität. Aber uns geht es nicht nur um die Produktqualität. Es geht auch um den Service – und dafür müssen wir nicht auf den neuen Ypsilon warten. An einem Top-Service arbeiten wir jetzt schon.

Eine der Säulen von Lancia ist das Design. Da gibt es aber bei Stellantis starke Konkurrenz – Alfa Romeo und DS setzen ebenfalls auf Design. Wie soll sich Lancia von den beiden unterscheiden?

Alfa Romeo, DS und Lancia sind die Premiummarken von Stellantis in Europa. Bei den Plattformen, der Software, der Elektrifizierung und den Innovationen müssen diese drei Marken sehr eng zusammenarbeiten. Auf der anderen Seite müssen wir unsere Produkte und Märkte differenzieren. Bei Lancia und Alfa stellen wir ganz klar das Italienische heraus. Alfa geht mehr Richtung Sport, wir gehen mehr Richtung Eleganz. DS ist eine französische Marke mit französischem Design. Französische Eleganz ist opulent, italienisches Design ist sehr clean und mit viel Understatement – wir versuchen, Details zu verstecken.

Interview Lancia-Chef Luca Napolitano
Lancia
Eines der Vorbilder für das Concept Pu+Ra HPE: Der Lancia Delta Integrale HF.
Welche künftigen Lancia-Modelle werden noch einen Verbrennungsmotor haben?

Der neue Ypsilon kommt mit einem Hybrid-Antrieb und einem vollelektrischem Antrieb. Den Hybrid brauchen wir, um erstmal in Italien erfolgreich zu sein – 2028/2029 läuft die Hybridversion dann aus. Der Gamma kommt dann 2026 ausschließlich mit einem Elektroantrieb – danach gibt es bei neuen Modellen nur noch Elektroantriebe.

Motorsport ist ein bedeutsamer Teil der Lancia-DNA. Was glauben Sie: Hat Motorsport in Zeiten von mehr Nachhaltigkeit noch eine Zukunft?

Gefühlt ist mein zweiter Job aktuell, Post zu beantworten, die mir Leute als Geschäfts-E-Mail oder an meine private E-Mail-Adresse oder sonst irgendwie schreiben – alle wollen wissen, wann wir wieder in den Motorsport einsteigen und wann endlich der neue Delta kommt. Mein Boss und meine Frau wollen das auch wissen. Ich würde gern sofort wieder in den Motorsport einsteigen, aber wir müssen an unsere Prioritäten denken. Wir müssen gut sein und den Kunden das liefern, was sie wollen. Wenn wir das schaffen, können wir vielleicht in fernerer Zukunft an eine Rückkehr in den Motorsport denken. Ein genaues Datum haben wir da nicht – wir müssen erstmal liefern, das ist das Wichtigste.

Interview Lancia-Chef Luca Napolitano
Lancia
Die runden Heckleuchten sind typisch für Lancia.
Elektrifizierung, Digitalisierung und künstliche Intelligenz – Lancia kommt in einer Zeit radikaler Umbrüche zurück. Kann Lancia da seine eigenen Akzente setzen, oder ist die Marke auf die übergeordneten Entwicklungs-Abteilungen des Stellantis-Konzerns angewiesen?

Alle Stellantis-Marken sind von den gemeinsamen Entwicklungen abhängig. Über diese Entwicklungen hinaus müssen sich die einzelnen Marken personalisieren. Das SALA-System zur Steuerung von Sound, Licht und Klimatisierung haben wir dann beispielsweise in der speziellen Ausführung nur bei Lancia. Natürlich möchte ich auch gute Fahrleistungen. Für Lancia bedeutet das, die Fahrleistungen eines Delta Integrale – uns geht es nicht um Höchstgeschwindigkeiten.

2028 soll der neue Delta kommen – was können Sie uns schon zu dem Auto sagen?

Beim Delta sind wir noch in einem frühen Stadium. Wir wollen auf jeden Fall einen echten Delta auf den Markt bringen – in Bezug auf Design und in Bezug auf den Antrieb. Als wir 2021 den Lancia-Strategieplan vorgestellt haben, hat mir jeder unserer Designer freudig gesagt, dass er bereits einen neuen Delta gezeichnet hätte. Ich habe dann entgegnet, dass wir doch bitte erstmal mit dem Ypsilon anfangen. Also vom Design her ist der Delta fertig – auch wenn er in unserem Zeitplan der vorerst Letzte ist. Und er sieht umwerfend aus. Er ist ein echter Delta: kräftig, maskulin und scharf gezeichnet. Ich bin mir sicher, dass das genau der Delta ist, den Sie wollen.

Sie bringen bis 2028 drei neue Modelle – aber Sie planen sicher schon viel weiter. Können Sie schon etwas zu weiteren Modellen sagen? Bringen Sie weitere SUV und vielleicht auch einen Van wie den bis 2014 gebauten Phedra?

Meiner Meinung nach sind drei Modelle genug für uns. Auf den Markt bringen, liefern, erfolgreich sein – da haben wir mit drei Modellen erstmal gut zu tun. Allerdings kommt auch eine HF-Version ("High Fidelity" – Name des einstigen Lancia-Rennstalls und Werksteams, Anm. d. Red.) des Ypsilon 2025. Den Gamma bezeichnen wir nicht als SUV. Elektrifizierung hat viel mit Gewicht und Aerodynamik zu tun – das haben wir beim Design des Gamma berücksichtigt und ihn mehr wie einen Sportback gezeichnet. Vielleicht ergibt sich sogar eine neue Bezeichnung für die Karosserieform des Gamma. Das Modell ist nicht so hoch wie ein SUV aber 4,70 lang.

Interview Lancia-Chef Luca Napolitano
Lancia
Der Lancia Stratos HF hat riesige runde Heckleuchten.
Wie weit sind Sie mit dem Aufbau eines Händlernetzwerks, wie wählen Sie ihre Händler aus und wie wollen Sie ihre Modelle vorwiegend verkaufen?

In Italien haben wir ja schon ein Händlernetz – und zwar ein sehr solides. Teilweise verkauft dort schon die dritte Händlergeneration Modelle von Lancia. Wir prüfen aber trotzdem jeden Händler auf seine Qualität und haben die Abdeckung um 20 Prozent reduziert. Früher hatte Lancia eine Ecke in den Fiat-Showrooms – daher kennen viele Fiat-Händler Lancia noch gut. Jetzt haben wir eigene Showrooms, die sehr hübsch, sehr italienisch eingerichtet sind – und in denen Händler arbeiten, die Lancia kennen. Das Training und die Zertifizierung der Händler haben bereits am 1. Juli 2023 begonnen. Von den 600 Fiat-Verkäufern haben wir 240 für Lancia ausgewählt.

Im restlichen Europa ist die Situation vollkommen anders, weil wir kein Netzwerk mehr haben. Wir haben uns 70 Stellantis-Partner in 70 großen europäischen Städten gesucht – dort vermuten wir unsere Kunden. Leute, die modern sind, die Veränderungen mögen und die Wert auf Nachhaltigkeit legen. Mit 50 Händlern sind die Verträge schon unterschrieben. Zuerst konzentrieren wir uns auf sechs Märkte: Deutschland, Frankreich, Spanien, Niederlande, Belgien und Portugal. In Deutschland haben wir 25 Händler ausgewählt – mit mehr als der Hälfte sind die Verträge bereits unterschrieben. Und natürlich verkaufen wir auch online – wir gehen davon aus, dass 15 Prozent der Kunden ihren Kaufprozess online starten. Online hilft uns sehr, unsere Marktabdeckung zu verbessern. Ein Kunde, der 60 Kilometer außerhalb von Berlin wohnt, wird wahrscheinlich nicht in Berlin kaufen, sondern eher online.

Was glauben Sie: Wie groß ist die Liebe der Deutschen zu Lancia – wie gut sind die Chancen für eine Rückkehr.

Wir müssen den deutschen Markt auf die richtige Art und Weise betrachten. Unsere Mission ist ja nicht, Mercedes, Audi oder BMW zu schlagen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Cassina ist ein führender Hersteller von hochwertigen italienischen Möbeln. Der wichtigste Markt für Cassina ist Deutschland. Im Weltmarkt gibt es Bereiche, wo Italien ein echter Wert ist. Kunst, Kultur, Design, Möbel und Architektur – das sind Gebiete, auf denen Italiener sehr gut sein können. Wenn wir also nach Deutschland zurückkommen, müssen wir einfach wir selbst sein und damit Leute ansprechen, die italienischen Lifestyle und italienische Qualität in Sachen Design und Materialauswahl schätzen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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