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Markierungen für Motorradfahrer: Einfach, effektiv und günstig

Neue Fahrbahnmarkierungen in Linkskurven
Diese Kreise auf der Straße retten Leben

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Im Kreis Düren startete ein Modellversuch für mehr Sicherheit im Straßenverkehr. Es wurden Kreise in Linkskurven entlang des Mittelstreifens gezogen. auto, motor und sport klärt auf.

Motorradfahrer und Linkskurven. Beziehungsstatus: Kompliziert. Aus der Sicht des vierrädrigen Gegenverkehrs betrachtet, fahren einem in kurviger Landschaft regelmäßig Motorradfahrer auf der eigenen Spur entgegen. Meist in des Autos Rechtskurven, was für den Zweiradler Linkskurven sind. Aber: selten mit Absicht. Sondern, weil Linkskurven für einspurige Fahrzeuge eine Herausforderung sind. Und um diese Herausforderung etwas zu erleichtern, finden sich seit 2016 in Österreich und Luxemburg Balken oder Ellipsen auf der Straße. Seit dem Sommer 2023 sind zwei Kurven auf der Panoramastraße im Landkreis Düren gleichsam mit Kreisen markiert.

Unsere Highlights

Linkskurven sind rechts anzufahren

Die neuartigen Markierungen auf den Straßen sollen Motorradfahrern helfen, eine fahrdynamische Grundfahrübung ständig zu wiederholen. Und die lautet: Linkskurven werden rechts angefahren und Rechtskurven links. Klingt paradox, ist allerdings überlebenswichtig. Wer das nicht beherzt und zu flach zum Scheitelpunkt einlenkt – also eine Linkskurve zu weit links und zu nahe am Mittelstreifen anfährt – bleibt mit den Rädern zwar auf der eigenen Spur. Motorrad und Fahrerkörper fahren per Schräglage jedoch auf der Gegenspur. Die zusätzlichen Markierungen leiten den Fahrer dazu, länger rechts zu fahren, später einzulenken und in der Mitte der eigenen Fahrspur über den Scheitelpunkt zu fahren.

Positiver Nebeneffekt: Am Kurvenausgang kann man das Motorrad besser auf die nächste Kurve lenken, da es fast mittig der eigenen Spur die Kurve verlässt. Wer die Kurve schneidet, kommt meist am äußeren Fahrbahnrand raus, was eine eventuell folgende Gegenkurve unnötig verkompliziert. Für Rechtskurven gilt der Grundsatz gleichermaßen, obwohl die Konsequenzen selten lauten, man wäre in den Gegenverkehr geraten. Der Grund, weshalb das System funktioniert, ist die fast genetische Furcht von Motorradfahrern vor weißen Fahrbahnmarkierungen, die vermeintlich rutschig sind.

Furcht vor dem Seitenstreifen

In den seltensten Fällen schneiden Motorradfahrer mit Absicht die Linkskurve. In den überwiegenden Fällen spielt die Furcht eine Rolle. Die Furcht davor eine Kurve rechts anzufahren, auf der vermeintlich schmutzigen Seite. Mit dem Straßenrand voller Sand und Dreck oder gar dem unbefestigten Waldrand und vermeintlicher Sturzgefahr. Das Ganze mit einem wegrutschenden Vorderrad, dem sogenannten Lowsider. Ein weiterer Grund ist der zu kurze Blick vor das Motorrad. Anstatt weit vor das Motorrad zu schauen und den Straßen-, genauer gesagt den Kurvenverlauf mit Weitblick einzuschätzen, schauen Motorradfahrer überwiegend kurz vor das Vorderrad, ebenso aus Furcht, ein Schlagloch oder Ähnliches zu übersehen. Demnach steuern sie ihr Motorrad nur kurzsichtig auf der Straße und nicht ganzheitlich mit der Straße. Und das ist ebenfalls eine fahrdynamische Grundübung: Beim Anbremsen an eine Kurve den Kopf heben, um eben nicht durch das Bremsnicken den Blick unwillkürlich zu senken.

Rund 1.000 Euro Material- und Lohnkosten

Zuerst etabliert wurde das System im Jahr 2016 in Österreich: Sechs Kurven am Großglockner, 14 in der Steiermark und 19 in Tirol wurden zu Testzwecken mit Balken oder Ellipsen markiert. Die Ergebnisse sprachen für sich: Am Tulbingerkogel im Wienerwald verzeichneten die Unfallforscher um Martin Winkelbauer vom Kuratorium für Verkehrssicherheit (dem Äquivalent zum Deutschen Verkehrssicherheitsrat) direkt nach der Maßnahme keine schweren Unfälle mit Verletzten mehr. "Das alles gab’s für rund 1.000 Euro an Material- und Lohnkosten", freut sich Martin Winkelbauer. Er hatte seinerzeit die Untersuchung der Wirkung solcher "Kringel" erst initiiert und dann geleitet.

Unfallzahlen sinken stark

In einer weiteren Erhebung sank die Zahl der Crashes in sieben Kurven von 16 auf sieben im Vergleichszeitraum. Im Jahr 2022 wurden die 19 Kurven in Tirol eingehend untersucht. Hier ging mit den Markierungen ab Juni 2019 die Zahl der Stürze und Kollisionen um 80 Prozent zurück! Bei neueren Untersuchungen erwiesen sich Balken in ihrer Wirkung den Kreisen und Ellipsen ("Kringel") gegenüber als ebenso wirksam. Trotzdem favorisiert Martin Winkelbauer die Kringel: "Sie lassen sich eindeutig identifizieren. Zudem ist der Materialaufwand deutlich geringer – man kann mit der gleichen Menge Folie bis zu fünfmal so viele Kurven entschärfen."

In Luxemburg gab es in den Ardennen viele Motorrad-Unfälle an Wochenenden. Nach drei Jahren Vorbereitung mit Schützenhilfe aus Österreich wurden rund 50 Kurven auf fünf Strecken mit Balken bestückt. Der Clou: Auf dem kurvigen, neun Kilometer langen Abschnitt der N 25 zwischen Wiltz und Kautenbach wurden bereits vor dem Aufmalen der Balken (Luxemburg nutzt Farbe) im Juni 2018 drei der 35 Kurven mit Video-Kameras bestückt. So konnte man die Veränderungen der Linienwahl von Motorradfahrern durch die Markierungen direkt vergleichen. Das Ergebnis: Vorher fuhren gleich viele Motorradfahrer komplett im Gegenverkehr, wie auf der korrekten, "grünen" Linie, je zehn Prozent. Danach betrug das Verhältnis nur noch eins zu 29.

Was sich zeigte: Die Luxemburger Streifen haben keinen negativen Einfluss ("Impact" sagen die Unfallforscher) auf andere Verkehrsteilnehmer, wie Fahrrad- und Autofahrer oder Wohnmobilisten.

 Fahrbahnmarkierungen für Motorradfahrer
Martin Winkelbauer

Düren in Nordrhein-Westfalen ist Vorreiter

In einem ersten Modellversuch ist dieses einfache und effiziente System in Deutschland angekommen. Den Vorreiter machte am 17. Mai 2023 der Kreis Düren in Nordrhein-Westfalen. Dort leiten ellipsen-förmige Markierungen auf der L218 Motorradfahrer zwischen Vossenack und Schmidt sicherer durch die Kurven. Diese "Panoramastraße" war ein Unfallschwerpunkt: 2021/2022 gab es dort 34 Unfälle, bei 28 davon waren Motorradfahrer beteiligt. Das Institut für Straßenwesen der RWTH Aachen begleitet den Versuch wissenschaftlich, etwa per Video- und Wärmebildanalyse der gewählten Positionen und Kurvenlinien. Die Ergebnisse werden nach zwölf Monaten Erprobung als Grundlage für die Entscheidung dienen, ob und in welchem Umfang die (Farb-)Markierungen dauerhaft Eingang in straßenverkehrsrechtliche Vorschriften finden.

Kaltreibeplastik mit nachgestreuten Griffigkeitsmitteln

Als Material für die Markierung dient ein "Kaltreibeplastik mit nachgestreuten Griffigkeitsmitteln." Somit sei eine höhere Griffigkeit als bei Standardmarkierungen, wie bei Richtungspfeilen oder an Zebrastreifen, gewährleistet. Die "Spezial-Markierungen" sind also nicht rutschig. Trotzdem sollte man sie rechts umfahren, weit genug vom Mittelstreifen entfernt. So ergibt sich von allein eine sicherere Linie. Es gibt sogar Linkskurven mit zusätzlichen Markierungen rechts außen, um die "Fahrspur" klar anzuzeigen,

Rechtskurven sind schwieriger zu entschärfen

Und Rechtskurven? Lassen sich leider schwieriger entschärfen: "Man muss den Motorradfahrer bereits lange vor der Kurve weit nach links schicken, nah an den Mittelstrich", erklärt Martin Winkelbauer. "Aber bitte nicht darüber." Rechtsherum seien eher "Hundskurven" das Problem, die sich im Verlauf zuziehen. Da hilft nur konsequentes Fahren auf Sicht und der dosierte Einsatz des Hinterschneidens.

Umfrage
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Nein, die sind selbst alle rücksichtlos unterwegs.Ja, die haben weder Airbag noch Knautschzone.

Fazit

Wer Linkskurven zu weit links anfährt oder schneidet, bekommt bisweilen Probleme: Motorrad oder Motorradfahrer liegen je nach Situation im Gegenverkehr und/oder werden nach dem Scheitelpunkt nach außen getragen. Nach Versuchen in Östereich und Benelux sind in Deutschland in einem Modellversuch die ersten Straßen mit kreisrunden Markierungen versehen worden, die das Motorrad leiten sollen und in Linkskurven das zu frühe Einlenken zum Scheitelpunkt verhindern sollen. Das erhöht nach Auswertungen aus Luxemburg die Sicherheit immens. Und das für einen vergleichsweisen geringen Aufwand und Kosten.