Rückzug aus Joint Venture mit CNH Industrial
Nikola verlässt Europa, Iveco übernimmt

Nikola und CNH Industrial, die Konzernmutter der Lkw-Marke Iveco, wollten zusammen in Ulm Elektro-Lastwagen bauen. Doch nun ist das Joint Venture Geschichte. Iveco übernimmt und baut um.

Nikola Tre BEV 4x2
Foto: Nikola Corporation

Nach gerade einmal etwa dreieinhalb Jahren ist das Europa-Abenteuer von Nikola bereits wieder vorbei. Der Lkw-Hersteller, an dessen Spitze mit Michael Lohscheller ein ehemaliger Opel-Chef steht, teilte im Mai 2023 mit, dass man sich aus jenem Joint Venture zurückzieht, das er erst 2019 mit FPT Industrial und der Iveco Group gegründet hatte. Bei FPT Industrial handelt es sich um die Antriebssparte und mit Iveco um eine Nutzfahrzeugmarke des aus dem Fiat-Konzern hervorgegangenen Unternehmens CNH Industrial, unter dessen Konzerndach zudem die Hersteller Case, Magirus oder New Holland agieren.

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Anfang Juli 2023 bestätigt Iveco, dass man das vollständige und alleinige Eigentum an dem deutschen Unternehmen erworben hat, das aus dem früheren Joint Venture Nikola Iveco Europe hervorgegangen ist. Gleichzeitig bekommt das Unternehmen einen neuen Namen. Es wird in EVCO (Electric Vehicles COmpany) umbenannt. Nikola wird damit auch aus dem Firmennamen getilgt. Der Anspruch von EVCO bleibt aber: Man möchte künftig eine führende Rolle im Bereich des lokal emissionsfreien Schwerlastverkehrs spielen.

Hauptsitz bleibt Ulm. Im dortigen, 50.000 Quadratmeter großen Lkw-Werk wollte das Gemeinschafts-Unternehmen sowohl die batterieelektrische Version als auch die Brennstoffzellen-Variante des Nikola Tre (siehe Fotoshow und Video) bauen. Die Iveco Group, die den Standort zuvor betrieben hatte, holt sich damit ihr eigenes Werk zurück. Bei Bekanntgabe des Joint Ventures teilten die Partner seinerzeit mit, dass nach den damaligen Plänen in einem ersten Schritt 40 Millionen Euro in den Ausbau des Werks investiert werden sollten.

Iveco in Europa, Nikola in Nordamerika

Einer Mitteilung zufolge konzentriert sich Iveco "auf die weitere Entwicklung und Vermarktung von batterie- und brennstoffzellen-elektrischen Sattelzugmaschinen für den europäischen Markt". Außerdem erhält die Marke von Nikola eine Lizenz zur Weiterentwicklung der Fahrzeugsteuerungs-Software für die gemeinsam entwickelten BEV- und FCEV-Modelle. Damit dürfte der Nikola Tre künftig als Iveco auf den Markt kommen; der Iveco S-Way lieferte ohnehin die technische Basis für den E-Laster.

Nikola will sich künftig auf seine Aktivitäten in Nordamerika konzentrieren und dort neben seinen BEV- und FCEV-Lastwagen über die neue Marke Hyla eine Wasserstoff-Infrastruktur aufbauen. Iveco überlässt dem Hersteller zudem die Lizenz für die S-Way-Technologie für Nordamerika und liefert die dafür nötigen Komponenten. Zudem erhält Nikola Anteile am geistigen Eigentum der ersten Generation der E-Achse – einer Technologie, die zusammen mit FPT Industrial entwickelt wurde.

Etwa 47,7 Millionen Euro teurer Deal

Iveco zahlt für die Anteile 35 Millionen Dollar (aktuell umgerechnet knapp 31,9 Millionen Euro) in bar und erwirbt zusätzlich 20 Millionen Nikola-Aktien. Gemäß der Wertpapiernotierung liegt der Gesamtwert des Aktienpakets bei etwa 15,8 Millionen Euro. 2019 soll CNH Industrial bereits mit 250 Millionen Dollar (nach heutigen Umrechnungskurs rund 227,8 Millionen Euro) bei Nikola eingestiegen sein.

Ursprünglich war geplant, dass der im Rahmen des Joint Ventures gebaute Nikola Tre über das bestehende Iveco-Händlernetz vermarktet wird. Auch den Service sollten die Stützpunkte der Nutzfahrzeug-Marke erledigen. Potenziellen Kundinnen und Kunden sollte mit einem All-Inclusive-Leasing, das die Iveco Group ebenfalls übernehmen wird, die Angst vor dem neuen Antriebskonzept genommen werden. Über einen Zeitraum von 84 Monaten (sieben Jahre) und 700.000 Kilometern deckt dabei eine Leasingrate neben der Langzeitmiete des Lkw auch alle Servicekosten ab.

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Fazit

Nikola und Iveco versuchen zwar in der offiziellen Mitteilung ihre bisherige Partnerschaft als Erfolg zu verkaufen. So geben beide Unternehmen "mit Freude bekannt, dass sie in eine neue Phase ihrer Partnerschaft eintreten, die alle Meilensteine erreicht hat". Gleichzeitig wollen die Firmen nun "eigene Schwerpunkte im Bereich des schweren Straßengüterverkehrs definieren". Das wiederum liest sich eher so, dass die Vorstellungen über die künftige Strategie auseinandergehen und sich Nikola und Iveco lieber trennen, bevor es zu Streit kommt. Fakt ist, dass es fortan eine klare Trennung gibt: Nikola konzentriert sich künftig auf den nordamerikanischen Markt und Iveco kümmert sich um Europa.

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