Renault, Nissan, Mitsubishi - neue E-Auto-Sparte
Ampere bläst Börsengang ab

Der Autokonzern hatte ein Tochterunternehmen gegründet, das sich ausschließlich um E-Autos und Software-Belange kümmert. Nun ändert sich wegen ungünstiger Marktbedingungen die Strategie. Hier die Details.

Ampere Logo Emblem Renault-Konzern
Foto: Renault Group

Renault plant seine Zukunft. Und die ist weitgehend elektrisch: Bereits im Februar 2022 hatten die Franzosen angekündigt, dass die Kernmarke in Europa ab dem Jahr 2030 nur noch rein elektrisch angetriebene Fahrzeuge anbieten will. Wie kurze Zeit später bekannt wurde, bündelt der Konzern seine Elektro- und Software-Aktivitäten zudem in einer eigenen Sparte. Dieser Bereich heißt Ampere; er wurde am 1. November 2023 offiziell gegründet. Das Ziel ist ambitioniert: Mit "erschwinglichen Modellen samt modernster Software-Technologie für breite Kundenkreise" will Ampere zum europäischen Marktführer für E-Autos avancieren.

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Luca de Meo, der Vorstandsvorsitzende des Gesamtkonzerns, leitet die neue Sparte. Mit Josep Maria Recasens (COO) und Vincent Piquet (CFO) bekleiden zudem zwei weitere Führungskräfte der Renault-Gruppe bei Ampere fortan höhere Positionen. Recasens leitet das operative Geschäft und Piquet verantwortet alles Finanzielle. Mit Luc Julia gibt es zudem einen "Chief AI Officer", also einen Leiter für den Themenbereich Künstliche Intelligenz. Insgesamt sollen etwa 11.000 Menschen für Ampere arbeiten, darunter 35 Prozent Ingenieurinnen und Ingenieure. Ampere betreibt insgesamt elf Standorte in Frankreich, darunter vier Fabriken: den Produktionsverbund ElectriCity mit den drei Standorten Douai, Maubeuge und Ruitz sowie dem Werk in Cléon.

Ampere-Börsengang abgesagt

Mit einem Börsengang sollte es ganz schnell gehen; bereits im ersten Halbjahr 2024 sollte es so weit sein. Doch diesen Plan legt Ampere nun auf Eis. "Die Renault-Gruppe ist der Ansicht, dass die derzeitigen Bedingungen auf dem Aktienmarkt nicht ausreichen, um den IPO-Prozess im besten Interesse der Renault-Gruppe, ihrer Aktionäre und von Ampere optimal durchzuführen", heißt es in einer offiziellen Mitteilung. "Heute haben wir eine pragmatische Entscheidung getroffen", ergänzt de Meo in einem Statement. Wann der Börsengang nachgeholt werden soll, sagt der Konzern nicht.

Ihre wirtschaftlichen Ziele wollen Renault und Ampere jedoch unbeirrt weiterverfolgen. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Mutterkonzern einige Eckdaten benannt: So soll Ampere ein ebenso schnelles wie starkes Umsatzwachstum von jährlich 30 Prozent bis 2030 hinlegen. Von diesem Zeitpunkt an plant die Firma zudem mit einer zweistelligen Marge. Da 80 Prozent aller Investitionen bereits getätigt seien, soll schon 2025 der Break-even erreicht werden.

Auf diese Weise sollen enorme Einsparungen bei Entwicklung und Produktion neuer Modelle erreicht werden. De Meo strebt für Ampere eine "Kostenreduzierung von 40 Prozent bei der nächsten Fahrzeuggeneration an", die ab 2027 auf den Markt kommen soll. Im Zuge dessen will das Unternehmen die Teilevielfalt um etwa 30 Prozent verringern und eine Produktionszeit von maximal zehn Stunden pro Auto erreichen. Erste Ergebnisse der Maßnahmen, mit denen das gelingen soll, fließen Ampere zufolge bereits bei den neuen Elektro-Modellen Renault 5 (2024; siehe Video nach dem ersten Absatz), Renault 4 (2025; siehe Video unten), Scenic, Twingo (siehe Fotoshow) und zwei weiteren E-Baureihen ein. Bedeutet: Die vom neuen Unternehmen konstruierten und produzierten Autos kommen nicht unter dem Markennamen Ampere, sondern mit Renault-Logo auf den Markt.

Auch Nissan und Mitsubishi an Bord

Und perspektivisch wohl auch als Nissan und Mitsubishi, denn neben Renault beteiligen sich die weiteren Hersteller des Konzerns ebenso an der Ampere-Sparte, zu der zudem die Mobilitätsmarke Mobilize sowie der Bereich autonomes Fahren gehören. Nissan wird zum strategischen Partner und übernimmt bis zu 15 Prozent der Anteile. Mitsubishi hatte kürzlich im Rahmen der Japan Mobility Show 2023 in Tokio bekannt gegeben, sich mit einem Investment von bis zu 200 Millionen Euro an Ampere zu beteiligen.

Das Verbrenner- und Hybrid-Pendant zu Ampere ist ein Joint-Venture namens Aurobay. In dieses zuvor von der chinesischen Volvo-Mutter Geely betriebene Unternehmen kaufte sich Renault im März 2023 als 50-prozentiger Anteilseigner ein. Perspektivisch soll sich zudem der saudische Ölmulti Aramco an Aurobay beteiligen. Alle Marken der Renault-Nissan-Mitsubishi-Allianz, die Verbrenner-Modelle anbieten, sollen Kunden der daraus entstehenden Antriebe werden.

Nissan ist nun unabhängiger

Um die neue Strategie samt Aufspaltung umzusetzen, sind innerhalb der Allianz zwischen Renault und Nissan, in die auch Mitsubishi involviert ist, tiefgreifende Umstrukturierungen nötig. Bereits Ende Januar 2023 hatten die Führungsetagen beider erstgenannten Autohersteller bekannt gegeben, wie sich die Verflechtungen untereinander künftig darstellen sollen. Verkürzt ausgedrückt: Nissan erhält einen Großteil seiner Unabhängigkeit zurück.

Zuvor hielt Renault 43,4 Prozent der Anteile an Nissan; umgekehrt waren es nur 15 Prozent. Das wird sich im Laufe der Zeit angleichen: Renault hatte seinerzeit 28,4 Prozent seiner Nissan-Anteile an einen französischen Treuhänder übergeben, in dessen Obhut die damit verbundenen Stimmrechte neutralisiert wurden. Daraufhin konnten die Wertpapiere verkauft werden, "wenn dies für die Renault-Gruppe wirtschaftlich sinnvoll ist", hieß es in einer Stellungnahme. Von den Dividenden und Gewinnen aus den Aktienverkäufen hatte die Renault-Gruppe profitiert. Es bestand jedoch keine Verpflichtung, die Aktien innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu verkaufen.

15 statt 43,4 Prozent der Anteile

Mit künftig jeweils 15 Prozent Beteiligung am anderen Unternehmen entsteht in dieser Hinsicht eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Das neue Konstrukt soll zunächst für 15 Jahre gelten und beinhaltet jeweils Sperrminoritäten und Stillhalte-Vereinbarungen. Nissan hat zudem die Möglichkeit, einst von Renault in seiner Führung eingesetzte Direktoren abzuberufen, falls die Japaner das möchten. Beide Partner sind jedoch berechtigt, jeweils zwei Vertreter in den Verwaltungsrat des anderen Herstellers zu entsenden.

Innerhalb ihrer vielschichtigen Kooperation wollen sich die Partner fortan um "operative Projekte mit hoher Wertschöpfung" kümmern, die sich hauptsächlich auf Lateinamerika, Indien und Europa konzentrieren. Die für Europa geplanten Projekte umfassen hauptsächlich gemeinsam genutzte Plattformen, vor allem für Elektroautos des B- und C-Segments ab 2026. Diese Modelle sollen teils 800-Volt-Architekturen erhalten und vornehmlich in von Renault betriebenen Werken produziert werden. Zudem ist klar, dass auch die nächsten Generation des Mitsubishi ASX und Colt die CMF-B-Plattform der Renault-Nissan-Allianz nutzen werden und damit erneut als Captur- und Clio-Klone vorfahren.

Enge Verzahnung auf vielen Ebenen

Für die Produkte in einigen aufstrebenden Märkten spielen die Aktivitäten von Ampere kaum eine Rolle. In Lateinamerika geht es in erster Linie um neue Pick-ups der Halb- und Eintonnen-Klasse sowie ein neues Elektro-Modell des A-Segments, das auch für Indien interessant sein soll. Hier planen Renault, Nissan und Mitsubishi zusätzlich neue SUV-Baureihen.

Doch auch abseits der Modellpaletten planen die Partner, sich enger zu verzahnen. Zum Beispiel beim Vertriebsnetz: Es dürfte künftig deutlich mehr Händler geben, die sowohl Renault- als auch Nissan- und Mitsubishi-Modelle anbieten. Außerdem wollen die Marken das gemeinsame, ebenfalls ElectriCity genannte Ladenetzwerk aufbauen, das insbesondere die Händler-Standorte einbezieht. Beim Recycling von E-Auto-Altbatterien und Produktionsabfällen soll es künftig ebenfalls eine engere Zusammenarbeit geben.

Problembehaftete Allianz

Die Allianz zwischen Renault und Nissan wurde bereits 1999 gegründet, als Louis Schweitzer Vorstandschef bei den Franzosen war. Schweitzer schickte 2001 Carlos Ghosn zu Nissan, der den damals stark kriselnden japanischen Hersteller mit teils harten Maßnahmen sanierte. Vier Jahre später wurde Ghosn in Personalunion Schweitzers Nachfolger als Chef des Renault-Konzerns. Nissan waren diese Konstellation und insbesondere die Person Ghosn stets ein Dorn im Auge. Die im Laufe der Jahre immer stärkeren Verwerfungen zwischen den Allianz-Partnern gipfelte 2018 in der Festnahme des schillernden Managers in Japan (zentraler Vorwurf: Veruntreuung von Firmengeldern) und dessen spektakulärer Flucht in den Libanon im Dezember 2019.

Welche neuen Produkte die Renault-Zukunft bringt, haben die Franzosen in ihrer "Renaulution"-Strategie zusammengefasst. In der Fotoshow stellen wir jene Modelle vor, die der Konzern mittel- und langfristig auf den Markt bringen wird.

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Ab 2025.Nicht vor 2040.

Fazit

Renault braucht viel Geld für seine Elektrifizierungspläne und kämpft mit einem schwachen Geschäft bei den klassischen Verbrennern. Eine Aufspaltung soll die Lösung bringen. Im Zuge dessen strukturiert der Konzern auch seine Allianz mit Nissan um und verringert, wie schon lange von den Japanern gefordert, seine Aktienbeteiligung am asiatischen Hersteller. Im Gegenzug engagiert sich dieser – genau wie Mitsubishi – in der neuen E-Auto-Sparte Ampere, die im November 2023 offiziell gegründet wurde und kurze Zeit später an die Börse gehen sollte. Doch dieses Vorhaben liegt nun wegen ungünstiger Marktbedingungen auf Eis.

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AUTO MOTOR UND SPORT 09 / 2024
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Erscheinungsdatum 11.04.2024

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