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So funktioniert der türkische Autohersteller Togg

Türkischer E-Autohersteller
So tickt Togg

In der Türkei gibt es nicht wenige, die glauben, Togg sei eine Fake News von Staatschef Erdogan. Aber wir haben die ganz reale Fabrik besucht. Und einen modernen, digital orientierten Hersteller.

In der türkischen Stadt Gemlik gibt es ein riesiges Industriegebiet – der Autohersteller Togg hat sich hier auf einer 12.000 Hektar großen Fläche niedergelassen. Die Firmengebäude hat ein in den USA lebender türkischer Architekt entworfen und auf einer Außenseite des Endmontage-Werks prangt eines der größten Graffitis der Welt. Und dieses Graffiti schreit geradezu: "Wir sind modern!"

Togg-Werk Gemlik
Gregor Hebermehl
Auf einer Außenwand der Togg-Endmontage-Halle prangt eines der weltgrößten Graffitis.
Unsere Highlights

In der Halle läuft inzwischen das Elektro-SUV T10X des im Juni 2018 gegründeten Herstellers vom Band. Togg-Chef Gürcan Karakas ist ein Auto-Profi durch und durch – nach seinem Maschinenbau-Studium ging er 2004 zu Bosch und übernahm das Türkei-Geschäft. Er spricht fließend Deutsch – schließlich hat er jahrelang in Stuttgart gearbeitet, bevor er die Bosch-Geschicke von der Türkei aus gelenkt hat. Er hat für einen massiven Anstieg von Boschs Türkei-Geschäft gesorgt – und ist dann zu Togg gegangen. In dunkelblauem Polo-Shirt, Jeans und Sneakers betont Karakas vor Ort, was Togg anders macht als etablierte große Hersteller.

Bei seinen Mitarbeitern legt Togg Wert auf Kompetenz und internationale Erfahrung. Man habe keine Zeit, den Beschäftigten viel beizubringen – die müssen ihr Wissen mitbringen. Also habe man die Mitarbeiter "mit der Lupe gesucht und mit der Pinzette herausgezogen" bekräftigt Gürcan Karakas.

Togg-Werk Gemlik
Gregor Hebermehl
Togg-Chef Gürcan Karakas hat lange bei Bosch in Stuttgart gearbeitet und spricht fließend Deutsch. Er betont, dass die digitale Welt eine komplett andere ist, als die des klassischen Automobilbaus.

Clever Partner suchen und sparen

Der größte Investor bei Togg ist der Mischkonzern Anadolu-Gruppe, zweitgrößter Investor ist der größte Nutzfahrzeughersteller der Türkei BMC, hinzu kommen noch der Mobilfunkanbieter Turkcell und die Zorlu-Gruppe, die in der Türkei die größten Werke zur Produktion von Fernsehern für verschiedene Marken betreibt. So soll beispielsweise das große Infotainment-Display des T10X nach Togg-Lesart eine Art schmaler Fernseher sein. Wenn Togg beispielsweise für seine Armaturenbretter eine fernseherähnliche Anzeige braucht, dann fragen die Verantwortlichen eben direkt bei der Zorlu-Gruppe an, die ohnehin schon jährlich zwölf Millionen Fernseher herstellt – 100.000 mehr für Togg sind da kein Problem. Für das Joint Venture Togg hat die Türkische Handelskammer TOBB (Türkiye Odalar ve Borsalar Birliği) die Unternehmen zusammengebracht – und ist selbst mit acht Prozent an dem Hersteller beteiligt.

Das Wort "Auto" sage er nur einmal ganz zum Anfang seiner Präsentation, betont Gürcan Karakas – denn Togg stelle keine Autos her, sondern Smart Mobile Devices. Die digitalen Möglichkeiten seiner Modelle sind Karakas überaus wichtig – das Fahrzeug soll der Dreh- und Angelpunkt für digitale Erfahrungen sein. Und auch wenn Togg wegen der hohen Inlandsnachfrage erstmal den heimischen Markt bedient, soll die Marke international wachsen – der Hersteller sieht sich wegen seiner geografischen Lage an der Grenze zwischen Europa und Asien als Knotenpunkt zwischen Ost und West.

Führungskräfte von Bosch, Honda und Toyota

Der türkische Hersteller sieht sich zudem als einer der Autoproduzenten, die vieles anders machen. Seine Führungskräfte kommen zwar von Bosch, Honda und Toyota und haben somit in der klassischen Autowelt gearbeitet, der Weg aus dieser Blase führte für Togg aber über San Francisco – dort sitze mit Ideo eine der führenden Design-Agenturen der Welt. Apple und Samsung hätten es nicht anders gemacht – und es soll nicht einfach gewesen sein, die Amerikaner von einer Kooperation zu überzeugen. Gürcan Karakas erinnert sich, dass es die ersten sechs/sieben Monate nur Ideen gab – die Investoren mussten sich gedulden.

Komplett andere Welt

Für die technische Umsetzung der digitalen Anforderungen hatten die Togg-Verantwortlichen zusammengefasst, was sie alles für Kompetenzen brauchen. Heraus kamen unter anderem Cyber Security, Künstliche Intelligenz, Gamification sowie Blockchain mit Smart Contracting – und nichts von dem war damals bei Automobilzulieferern im Angebot. Für diese Kompetenzen musste sich Togg in einer "komplett anderen Welt" umsehen, wie Karakas beteuert. Also hat sich Togg über 150 Start-ups angeschaut. Inzwischen gibt es Verträge mit 22 davon, bis Ende des Jahrs könnten weitere 30 hinzukommen.

Statusmeilen ohne fliegen

Damit Toggfahren so attraktiv wie möglich ist, gibt es inzwischen einen Vertrag mit Turkish Airlines. Wer über sein Togg-Konto beispielsweise beim türkischen Zalando einkauft, bekommt keine Bonusmeilen, sondern echte Statusmeilen. Togg-Nutzer können so an eine Goldkarte von Türkish Airlines kommen, ohne auch nur einen Meter zu fliegen. Wenn das Tog-Navi Start- und Ziel der Reise kennt, berechnet es, wann der Reisende bei welchem Wetter wo ist. Dann macht es Vorschläge zu örtlichen Besonderheiten. Und wer es möchte, vielleicht weil er dafür von der Versicherung einen Rabatt bekommt, kann auch permanent auswerten lassen, wie gut er fährt.

Togg-Werk Gemlik
Gregor Hebermehl
Auf dieser Fertigungsstrecke in der Endmontage-Halle nimmt das Elektro-SUV T10X Schritt für Schritt Form an.

Trutech als Tech-Tochter

Seine gesammelten Kompetenzen bündelt Togg bei seiner neuen Tochter Trutech, bei der mehr als 150 Hard- und Software-Ingenieure arbeiten. Die dort entwickelten Technologien möchte Togg zu einem späteren Zeitpunkt auch an andere Unternehmen weiterverkaufen. Toggs Infotainment-System basiert auf einem selbstentwickelten Rechner – die Produktion erfolgt auf dem Togg-Technologie-Campus, der sich auf dem Firmengelände befindet. 150 Steuergeräte, die über das komplette Fahrzeug verteilt sind, wollten die Ingenieure unbedingt vermeiden – das macht das Auto zu teuer und zu kompliziert. Entwicklungspartner für den Zentral-Computer war der türkische Elektronik-Konzern Vestel. Und die drahtlose Software-Updatebarkeit (OTA – over the air) sei bei modernen Autos ein absolutes Muss. Unter anderem deshalb, weil die Togg-Systeme allen offenstehen sollen. Auch andere Anbieter sollen ihre Leistungen in Modellen von Togg zur Verfügung stellen können.

Vertrieb online und über mobile Showrooms

Den Vertrieb seiner Modelle erledigt Togg über seinen eigenen Internet-Shop. 82 Prozent der Kunden haben ihren Togg direkt über die Smartphone-App bestellt, die anderen über die Website. Außerdem gibt es sechs Experience Center (ein siebtes ist im Bau), in denen die Kunden die Modelle kennenlernen können. Hinzu kommen acht mobile Erlebnis-Zentren, die jeweils drei bis vier Wochen an einem Ort bleiben. Das Konzept mit mobilen Showrooms verfolgt unter anderem auch die Volvo-Tochter Lynk & Co. – damit lassen sich viele ortsgebundene Händler ersetzen. Zudem gibt es 27 Service-Zentren – vier betreibt Togg selbst, 23 sind von Bosch Car Service. Einen Servicemitarbeiter können Togg-Fahrer rund um die Uhr erreichen.

Beim Antrieb und bei der Produktion sehen die Togg-Verantwortlichen das Energiemanagement als eines der wichtigsten Zukunftsthemen. Die Herstellung des T10X erfolgt bereits zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien. 30 Prozent kommen davon von eigenen Solaranlagen, den Rest kauft Togg aktuell noch ein – aber der Eigenanteil an erneuerbaren Energien soll rapide steigen. Den Nachweis über die ausschließliche Verwendung von erneuerbaren Energien erbringt der Hersteller mithilfe von Blockchain-Technologie.

Togg-Werk Gemlik
Gregor Hebermehl
In diesem Lichttunnel erfolgt die Endabnahme der fertig montierten T10X.

Schnell 1.000 Ultra-Supercharger gekauft

Beim Thema Laden haben sich die Verantwortlichen die Ladeinfrastruktur verschiedenen Länder angeschaut. Eines Ihrer Fazits: Deutschland, Frankreich und Großbritannien sind bei diesem Thema nicht gut genug. Die Türkei hat Togg für das Thema Ladeinfrastruktur in zwei Bereiche geteilt: eine Region mit hoher Fahrzeugdichte und eine Region mit weniger hoher Fahrzeugdichte. In dem Gebiet mit hoher Fahrzeugdichte soll es mindestens einen Ultra-Schnelllader mit zwei Ladepunkten auf 25 Quadratkilometer geben. Dafür bräuchte Togg zirka 1.000 Ladesäulen. Einen kommenden Ladesäulenmangel befürchtend, haben die Verantwortlichen Anfang 2023 schnell die 1.000 Ladesäulen gekauft – seit Ende Juni 2023 ist der Hersteller in jeder türkischen Stadt mit Ladesäulen vertreten.

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Ja - die stellen anscheinend gute Autos her, die zudem preiswert sind.Bei der rasant wachsenden Konkurrenz aus China habe ich meine Zweifel.

Fazit

Den Begriff Smart Mobile Device nimmt Togg sehr ernst – die digitale Seite des Autos muss immer auf dem neuesten Stand sein. Schon in der frühestens Entwicklungsphase haben die Verantwortlichen das komplette digitale Ökosystem bedacht, in dem die Autos von Togg einmal fahren sollen. Dabei mussten sie sich teilweise auch weit außerhalb der klassischen Autoindustrie nach Partnern umsehen.

Inzwischen hat Togg viele international erfahrene Mitarbeiter. Außerdem hat der Konzern einige Start-ups gekauft und mit anderen Kooperationsverträge geschlossen. Bei Business-Partnern setzen die Türken auf international namhafte Unternehmen – das hilft dabei, dass Projekte schnell und reibungslos funktionieren. Frische Ideen, wie das Künstliche-Intelligenz-Radio, die Möglichkeit, im Auto digitale Kunstwerke zu erstellen, oder auch die Möglichkeit, über Einkäufe mit der Togg-eigenen Trumore-App Statusmeilen (ja, keine Bonusmeilen) bei Turkish Airways zu sammeln, zeigen, dass Togg beim Thema Digitalisierung extrem ehrgeizig ist.

Die jetzt gesammelten Kompetenzen bündelt Togg bei seiner Entwicklungs-Tochter Trutech, deren Leistungen dann wiederum nach dem Hochlaufen der eigenen Fahrzeugproduktion auch andere Unternehmen kaufen können.